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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 12 · p. 690

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 12
Article
Alexandre Weill
Date
1923-01-01
Page
690 (sequence 10)
Language
German
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690 Siegfried van Praag: Alexandre Weill auf, nicht aus Puritanismus, aber weil sie Jüdin war und die Bestimmung hatte, einen Strahl göttlichen Ruhmes über ihr Volk und ihre Rasse scheinen zu lassen, eines Ruhmes, den sie für ein paar tausend Francs an einen alten Drüsenleider verkauft hat!" Und als er einmal bei Heine Rachel und ihre Mutter traf, und Rachel seine Ansicht wissen wollte, was die Zeitungen von ihr schrieben, sagte er: „Als Franzose bewundere ich Sie, Sie sind die größte Tragödin der Welt. Aber als Jude — gestatten Sie mir, Ihnen zu sagen, daß Sie die geringste aller Jüdinnen sind." Rachel war erzürnt und Weill lief fort. Aber lange nachher, kurz vor ihrem Tode, begegnete er ihr im düsteren Außengang des Th6ätre-Frangais: ,,Sie schien ein wandelnder Schatten, der sich an den Wänden festklammerte. Sie sah mich starr an, und als sie mich erkannte, griff sie krampfhaft nach meinem Arm und sagte: ,Du allein hast mir die Wahrheit gesagt, aber jetzt ist es zu spät.'" — Weills Bedeutung lag nicht auf literarischem, nicht auf philosophischem, nicht auf theologischem Gebiet, sondern darin, daß er — trotz allem — ein großer Mensch war. Er wurde beherrscht von seiner Menschlichkeit und seiner Illusion. Er war, was der Franzose so treffend ,,un illumine", einen Erleuchteten, nennt. Dank seiner Illusion leben seine Bücher, trotz der Berge Unsinn, die darin aufgestapelt sind. Ja, wäre er wirklich „ein Franzose von Geblüt" gewesen, dann hätte er sicherlich die Sprache nicht sg durcheinandergeworfen, wie die Franzosen ihm vorwerfen, dann hätte er Selbstkontrolle, etwas, was ihm ganz und gar abging, besessen und hätte aus seinen vielen Büchern, in denen neben unnennbar vielen Sinnlosigkeiten auch viel Wahres und Zutreffendes steht, eine Auslese getroffen, welche zweifellos klassisch geworden wäre. Dann hätten wir aber in dieser chaotischen Seele nicht mehr wühlen können, wie in einer Auslage auf einem Markt in unserem Ghetto, wo neben einem zerbrochenen Krug ein glänzender Kronleuchter und zwischen Lord-Listerheftchen eine Bibel zu finden ist. Dann würden wir nicht diesem unglaublichem, aber typischem Phänomen beiwohnen, daß aus einem Chaos wie durch Zauberschlag eine Einheit entsteht. Man könnte noch über seinen fast ins Ungeheuerliche ausgewachsenen Stolz ein Wort sagen. Der war eine Folge seiner ehrlichen Überzeugung, auserwählt zu sein. Man muß ihm, der fortwährend schrieb und von niemand gelesen wurde, seinen düstern Trost lassen: „Ich werde nie etwas darauf geben, von Andern auserwählt zu werden. Ich selber habe mich auserwählt seit meinem siebten Jahre; als ich, die Tiere meines Dorfes hütend, die Geschichte Davids auf Hebräisch las." Er war der Mann, der in Geistesverzückung sein Buch schrieb, da er Gott sprechen Heß und sich selbst als Werkzeug betrachtete. Sein Prophetenstolz drang durch viele seine Aussprüche und seine Illusion sorgte dafür, daß er die Gegensätzlichkeiten, die er sowohl in Gedanken wie in Worten und Taten bis zum Erschrecklichen besaß, selbst nie bemerkte. Es wäre sein Tod gewesen. E i n starker Zweifel an seiner Berufung in nur einer Stunde seines Lebens, und Weill wäre ein Verwüsteter

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