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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 12 · p. 689

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 12
Article
Alexandre Weill
Date
1923-01-01
Page
689 (sequence 9)
Language
German
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Alexandre Weill 689 gegeben, wie diese zwei Gleichen seiner Seele sich zueinander verhielten, er fühlte zwischen ihnen keine Disharmonie, und so wurden sie ihm nicht zum Gegenstand eines inneren Kampfes, Er war überzeugter Franzose. Deutschland mochte er nicht, und im Jahre 1870 litt er mit am französischen Leid, als das Elsaß an Deutschland kam. Da das Grab seiner Eltern dort lag, konnte er es nicht mehr besuchen. Damals schrieb er seine „Rachebriefe eines Elsässersu 1). Aber vor allem war er — halb unbewußt und halb bewußt — eben doch Jude. Stolz sagt er: „Auch ich bin Edelmann und von alter Rasse — mein Adel reicht zurück bis zum Patriarchen Abraham". Als Jude verkehrt er mit Heine. Ein Jude war auch der Mann, den er unter seinen Freunden am meisten verehrte: Meyerbeer. Sein Judenstolz steigerte sich unter der Peitsche des politischen Antisemiten Edouard Drumont — des schroffen Verfassers von „La France Juive". „Ungeachtet der teuflischen Erfindung des Antisemitismus, eines Wortes, das geschaffen wurde, um die Wohltaten der jüdischen Bibel zu leugnen, und das zugleich mit der Herrschaft der rohen Gewalt ohne Gerechtigkeit und dem unreinen Materialismus geboren ist, fühlen alle Völker, auch die, welche die Juden hassen und verfolgen, instinktiv, daß von den Juden das Heil kommen wird und daß sie die religiöse und intellektuelle Reserve der Zukunft bilden!" „Das jüdische Volk muß leben bleiben." „Die vom Messias verkündete Zeit ist noch niemals und nirgends gewesen. Sie muß erst kommen. Das jüdische Volk ist nicht tot, und einen lebenden Onkel beerbt man nicht. Wahr ist es, daß die Neffen mehr als einmal versucht haben, ihn umzubringen und seinen Nacken zu beugen, ja: ihn, wenn er sich nicht erdrosseln ließ, zu unterjochen und zum Tier zu erniedrigen. Nichts« destoweniger ist der Onkel so lebendig wie je, und die Neffen verzehren sich an religiöser Blutarmut." —■ Mitten durch die Vorwürfe, die er an die Juden und ihre Rabbiner richtet, klingt sein Jubel, selbst Jude zu sein. Weills Herz pochte, wenn er Hebräisch hörte, seine Hand streckte sich dem ihm begegnenden Juden zum Willkommen hin. Er fühlte, daß Jahrhunderte Geschichte — Jahrhunderte Leidensgeschichte — Individuen zusammenschmelzen zu einem Organismus, mit einem Herzen und einer Seele. Folgende kleine Anekdote kennzeichnet sein Judesein vielleicht noch besser als sein ganzer „Mosaismus". Weill war als Korrespondent deutscher Zeitungen mit der großen Tragödin Rachel in Berührung gekommen. Ihr Spiel entzückte ihn, und er machte ihr einen Besuch. Später einmal zu ihr eingeladen, empfing ihn nicht Rachel selbst, sondern ihre jüngere Schwester Rebekka. Er bekam die große Schauspielerin immer seltener zu Gesicht und hörte endlich, daß sie die Geliebte des alten Lebemanns Veron geworden war. Weill war empört und gab seiner Entrüstung in seinem Blatt „Corsaire — Satan" Ausdruck. „Ihre Verbindung mit Veron brachte mich *) In französischer Sprache erschienen. Heft 12, 44

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