Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Alexandre Weill
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 688 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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4588 Siegfried van Praag: wollte, so wäre im Licht dieser Gesetze keine Zukunft mehr zu verkünden, dann könnte nicht mehr prophezeit werden, dann würde es also keine Propheten mehr geben. ..." Und es gibt einen Propheten: Alexandre Weill — dessen Bestehen also beweist, daß wohl prophezeit werden kann, daß es also unverbrüchliche Gesetze gibt, an denen durch ein willkürliches Gottesurteil nichts verändert werden kann. Eine Verzeihung ist eine willkürliche Gottestat, Gott aber ist stets unverändert und nicht willkürlich. Also kann nicht Verzeihung gewährt werden und kein großer Versöhnungstag kann sein. Demnach ist dieser Tag also nicht mosaisch, sondern eine Erfindung Esras. So folgert Weill: „Man kann die natürlichen Wirkungen nicht von ihrer Ursache loslösen/' Er glaubt daran, daß unsere moralischen Taten Ursachen sind, die unumgängliche und immer determinierte Folgen in Zeit und Raum haben werden. Und er, der Prophet iri Moses Geist, wird Israel und den Völkern künden, welche Strafen ihren Missetaten folgen müssen. Jesaia, den Mann, der ihm als ein großer Patriot, als ein Gleichgültiger gegen den Ritus, als ein Eiferer für den gerechten Gott, als ein Wetteret gegen den Luxus erschien, liebte er am meisten, er, der Jesaia vom Faubourg St. Honor6. Durch den tollen Wagemut seiner Behauptungen erhebt er sich mit einem Flügelschlag über das Lächerliche. Wenn er z. B. Gottes Gerechtigkeit viel zu sehr von seinem menschlichen Standpunkt aus betrachtet hat und sich dann natürlich keinen Rat mehr weiß, um das „für die Menschen und die nützlichen Tiere" schädliche Getier unterzubringen, so folgert er: „Das sind keine durch Gott Geschaffenen. — Das böse Getier ist eine spontane Schöpfung, aus der Schlechtigkeit der Menschen geboren," Er begreift hier nicht, daß er dadurch die von ihm so sehr empfundene Gotteseinheit in Gefahr bringt. Aber es wäre unsinnig, seine Fehler wissenschaftlich aufzuzählen, denn in seinem Werk stehen mehr Fehler als Wahrheit. Es wäre kleinlich, sie lächerlich zu machen, denn der Mann steht über dem Lächerlichen. .Weill hat eine kommentierte Ausgabe der fünf Bücher Moses verfaßt, worin er das „Mosaische" vom „Esraischen" abzusondern,trachtet, und ganz ähnlich verfuhr er mit Spinoza. Er bewundert ihn, doch gibt es bei ihm Dinge, die Weill nicht anstehen. Also ist auch Spinoza gefälscht! Weill wird schon beweisen, was in der „Ethica" echt und was hinzugekommen ist. Dem Christentum stand er feindlich gegenüber. Er betrachtete es als eine noch größere Fälschung des mosaischen Gedankens, als die Lehre Esras. Als man ihm vorschlägt, Christ zu werden, ruft er aus: „Was, ich der ich mich geweigert habe, Gott zu verteidigen, ich sollte den Christus verteidigen! Der hat vielleicht den Feinden der Juden Gutes getan, aber nie hat ein Sohn seiner Familie soviel Böses getan, wie dieser Jude seinem Volke!" Was war er nun aber selber, als was fühlte er sich im Innersten? Als Franzose und Jude zugleich! Er hat sich nie Rechenschaft darüber ab-