Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Alexandre Weill
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 687 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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Alexandre Weill 687 Pudeln auf dem Boulevard. Ein Jeder kennt ihn, und er kümmert sich um alles und alle. Die Zeitungsjungen rufen aus: „Die Meinung von Weill über dieses, über jenes!" Er schreibt massenhaft Bücher. Verleger wollen nichts davon wissen, denn keiner liest sie. Doch er hat Geld, er gibt sie selbst heraus, zum Heil der Menschen, seiner Freunde. Melancholisch fügt er sich in das Nicht- Verstandenwerden. Seine Bücher sind verlegt ,,beim Autor, Faubourg St. Honor6!" —auf anderen steht noch aufgedruckt: „Meinen Namen bitte nicht zu verwechseln mit demjenigen meines reichen Namensgenossen, 45, Rue Courcelles". — Seine letzten sieben Jahre verbrachte er einsam. Er war müde. Seine Frau war tot. Zwei Frauen, seine Dienstmädchen, pflegten ihn und korrigierten seine Druckproben. Aus Dankbarkeit widmete er ihnen eine Idylle in Versen. — So starb der kleine Prophet in aller Stille. II. Weill hat unaufzählbar viel geschrieben, in Prosa und in Versen, auf Französisch, Deutsch und Hebräisch; Bücher, die niemand je liest oder gelesen hat, Bücher, lange versunken im undankbaren Meer der Literatur. Die meisten von ihnen kommen auf dasselbe heraus: es sind entweder sehr variierte Autobiographien oder sie enthalten seine geliebten theologischen Ideen. — Er schrieb elsässische und jüdische Novellen, unter denen „Schnell" und „Couronne" die bekanntesten sind. Es sind mittelmäßige Erzählungen; auf gleichem Gebiet wird er durch Erckmann- Chatrian z. B. weit übertroffen. Seine persönlichen Bücher „Meine Jugend", und „Intime Erinnerungen an Heinrich Heine"1) sind schön, echt und warm. Nun ist noch ein Wort über seine Ideen zu sagen. Er ist „Mosaist". Nach ihm besteht die Thorah aus zwei Teilen. Einer ist echt, göttlich und schön; der mosaische Teil, dessen Verkünder e r ist. Diese reine, göttliche Schrift ist verdorben durch Esra, der sie verlängert hat. Das offizielle Judentum ist „Esraismus", ein heidnischer Gottesdienst, ebenso wie das Christentum und all die andern Religionen. Moderne Kritik darf man in dieser Scheidung nicht suchen: was Weill an der Thorah behagt, das ist von Moses und göttlich, was ihm nicht behagt, ist von Esra und folglich Lüge. Zwei Dinge scheiden ihn vor allem von jedem offiziellen Judentum, auch dem liberalsten; es sind: »Der große Versöhnungstag und das Neujahrsfest, teuflische Erfindungen Esras, die Moses sicher verworfen haben würde. Sollte es einen Tag geben, an dem Verzeihung gewährt wird? Sollten die Gerechten nicht belohnt und die Ungerechten nicht bestraft werden im Laufe der Zeiten? — Das wäre gegen die Natur! Dann würde Gott sich selbst, seineUnVeränderlichkeit, "untergraben, dann würde keine Prophezeiung bestehen; denn wenn Gott dem einen oder anderen zuliebe seine Gesetze sich herumdrehen lassen 1) In französischer Sprache erschienen.