Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Alexandre Weill
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 686 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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686 Siegfried van Praag: kämpfte gerade an der Seite der „Jungen Deutschland": so sah ihn G6rard de Nerval, fand in ihm einen fidelen kleinen Kerl und lud ihn ein, in Paris sein Glück zu versuchen. Trotz aller inneren und äußeren Gefahren, deren er sich bewußt war, zog ihn Europas Metropole unwiderstehlich an. Nun wurde er ein Vollblutfranzose, oder besser ein Parisien", einer der bekanntesten Boulevardtypen und ein Stützpfeiler der literarischen Boheme. In Paris lief er zuerst zu Heinrich Heine, einem Mann nach seinem Herzen. Weill und Heine gleichen sich ein wenig, vor allem in ihrer gesellschaftlichen Satire. Dreyfuß sagt: „Er ist ein Heinrich Heine ohne das satanische Lächeln und ohne das lyrische Genie — er ist ein minderbegünstigter Heinrich Heine". Heine hatte eine spöttische Neigung für den kleinen Mann. Er verschaffte ihm überall Zutritt, und überall, obwohl man ihn wohl etwas verspottete, war man eingenommen von seinen draufgängerischen Gedanken. Eines Tages saß Weill im Cafe de la Porte Montmartre mit allerlei großen Geistern zusammen, mit Heine, Gautier, Sue und Paul de St. Victor. Plötzlich fragte jemand: „Wo kommt dieser Weill doch her?" Verächtlich sagt St. Victor: ,,Er hat Schweine gehütet." „Möglich", ei widert der kleine Weill, „aber jetzt hüte ich sie nicht mehr. Während Sie, Herr St» Victor, wenn Sie Schweine gehütet hätten, Sie sie jetzt noch hüten würden." Von der Übersiedlung nach Paris bis zu seinem Tode ist Weills äußerer Lebenslauf arm an Ereignissen, abgesehen von seiner Heirat. Weill gehörte in erotischer Beziehung im Grunde noch zu jenem sympathischen Geschlecht alter Juden, die einmal, aber dann für immer, eine Frau lieben und sie heiraten. Im Jahre 1847, tra* er a*s Sechsunddreißigjäbriger in die Ehe mit Agathina Marx, die häßlich, sogar etwas mißgestaltet war. Aber „ihre Seele war stolz und rein". Weill hat sie sehr geliebt. Sie starb 1878. Seiner Frau hat er seine Gedichtsammlung „Die großen Jüdinnen der Geschichte" x) gewidmet. Sie ruht neben ihrem Mann im Friedhof von Montmartre. Weill selber verfaßte ihre Grabschrift: „Erst bei seinem Scheiden erkannte man den Engel." Agathina besaß einen Modeladen, durch den sie soviel Geld verdiente, daß ihr Mann die Brotschreiberei bald aufgeben und nur noch seinem prophetischen Wort leben konnte. Sie war sehr stolz auf ihren Mann. Tagsüber stand sie im Laden und abends war sie die liebenswürdige Wirtin von Weills literarischen Freunden, die er in ihrer Wohnung über dem Laden im Faubourg St. Honor6 empfing. Sie war Modistin und er Prophet, eine typische Zusammenstellung. Selber nannte er sich den „Jesaja vom Faubourg St. Honor6". — Weill und seine Frau schrieben einander sehr schöne Briefe, welche in dem kleinen Bande „Liebesbriefe zwischen zwei Ehegatten vor und nach der Hochzeit, 1847 bis 1878" gesammelt sind. So lebt er fort in Paris, prophetisierend, ausfallend gegen vorübergehende Regierungen und Fürsten und gibt seine Bücher heraus. Morgens spaziert er, ein altes Männchen geworden, mit seinen zwei l) In französischer Sprache erschienen.