Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Alexandre Weill
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 685 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Alexandre Weill 685 Zweiundzwanzig Jahre war er alt, als das Gewitter von oben, vom Rabbinat her, losbrach. Zugleich getrieben von den Schergen des Gesetzes und als freiwilliger Diener des Gedankens marschiert Weill in die Welt hinaus. Er hat noch Freunde, Christen sowohl wie getaufte und auch gläubige Juden. Goldsmith, ein reicher Advokat, Dreyfuß und Dr. Wihi kommen eines Nachmittags zu ihm. Sie haben ihn einmal etwas aus der „Zauberflöte41 singen hören. Solche Stimme darf nicht verloren gehen! Ein Engagement an der Frankfurter Oper mit 10 000 Gulden jährlich wird ihm angeboten. Doch Weill wird rot vor beleidigter Größe, der kleine Mann redet sich in Wut: „Könnt ihr wollen, daß ich die Stimme, die Gott mir verliehen hat, mißbrauche, um die Ohren meiner Zeitgenossen zu kitzeln? Nicht doch! Hüpfen werde ich sie lassen, aber durch die Wahrheiten, die Gott mich verkünden läßt!" Sie lachten ihn aus und nannten ihn einen Toren, der eines Tages wie Hiob auf einem Misthaufen sterben werde. Zwei Jahre später schrieb er seine „Antwort auf die Lebensfragen der Philosophie". Da sah Goldsmith, der bis zu seinem Tode sein Freund blieb, doch ein, daß der kleine Prophet nicht ganz von Sinnen war. Heiratsmakler fingen allgemach an, ihm die Verlockungen ihrer lebenden Ware ins Ohr zu flüstern. Voller Stolz erzählt Weill, wie viel Partien er habe machen, ja, wie oft er sich habe „vorteilhaft" taufen lassen können, wie viele reiche Frauen er laufen ließ! Solchen Äußerungen über sein Glück beim schönen Geschlecht stehen jedoch andere gegenüber, die wahrer klingen: „Ich bin niemals ein Mann von Glück gewesen. Als Kind hatte man mich gern, wegen meiner Wißbegierde, meiner Lebhaftigkeit, meiner Stimme. Aber als ich ein Mann wurde, blieb ich im Hintergrund, sowohl wegen meiner kleinen Gestalt, wie durch meine Verlegenheit. Wie bei jedem Dichter, verströmte meine Leidenschaft im Feuer meiner Einbildung, und während ich kniete und anbetete, betraten andere den Altar." Nein, er hatte kein „Glück". Vor seiner Heirat haben immer nur häßliche Mädchen ihn geliebt, mit Ausnahme von Reginele, der kleinen Schneiderin. So wollte Weill nicht Opernsänger werden, weil er von Liebe hätte singen müssen, während er von Haß erfüllt war, und zu festgesetzten Stunden repetieren und seine Zähne und Waden hätte pudern lassen müssen. Er liebte die Freiheit über alles. Doch war er kein zügelloser Freibeuter, sondern etwas anderes, das man etwa einen „anständigen Bohemien" nennen könnte. Er hatte als Jude jene echte alte Ghettoanständigkeit, nicht die konventionelle, aber die wirkliche, treue, welche einem die Scham ins Gesicht treibt, wenn z. B. eine Frau der eigenen Rasse sich verirrt. Von daher aber hatte er auch das Bedürfnis nach Flottheit, Ungebundenheit, Ungeniertheit. Weill fühlte sich nur „in Hemdsärmeln" gemütlich. Wovon sollte er leben? Er hatte sich schon einigermaßen im Journalismus versucht, schrieb gut Französisch und Deutsch. Damals, 1836, hielten zwei Berühmtheiten der französischen Romantik sich in Frankfurt auf, der noble und ungebändigte G6rard de Nerval und Dumas Pfere. Weill