Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Alexandre Weill
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 684 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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- Homer 1× ep/1025156
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684 Siegfried van Praag: für die Julirevolution! Und die Judenbengel rennen durch die Straßen Frankfurts, trunken von der Idee, schreiend, gestikulierend, ihre Theorien einander um die Ohren schlagend, losgebrochen aus ihrem Kreis, irrelaufend in ihrem Lebensdrang nach Freiheit. Als endlich der „Constitutionnel" ankommt und ihnen die Einzelheiten und den Erfolg der Revolution meldet, da stürzen sie los, prallen aufeinander, da sind sie nur noch „eine heulende, trinkende, fahrende, prophetisierende Horde". Weill kannte sich und uns: „Die jüdische Rasse bleibt sich ewig gleich. Wie in der Judengasse in Frankfurt, so war sie im Vorhof des Tempels zu Jerusalem und so wird sie immer bleiben. Ein brodelndes Meer, das brüllt und sich verschlingt, und dann wieder eine nur kaum bewegte Fläche, die ihren Groll tief in den Abgründen ausrast." Ein Menschenhirn kann auf die Dauer nicht Thalmudstudium und Revolutionsfeuer, sowie Homer, Sophokles, Condillac, Goethe, Lessing, Fen£- lon, Dante, Klopstock, Shakespeare, Rollin, La Fontaine, Le Sage, Racine und Jean Jacques gleichzeitig auffassen und zu einer Einheit bringen. All diese Dinge gerieten in Weills Hirn in Gärung und Widerstreit. Sie verbissen sich wie Hunde ineinander und trieben den Gottesdienst aus seiner Seele. So ward er ein Abtrünniger, aber so, wie nur ein Jude abtrünnig sein kann, mit der Leidenschaft des Propheten im Herzen. Er, der Thalmudist, der Sohn Davids, nahm einen gewaltigen Anlauf und sprang mit einem Sprung mitten in den Atheismus hinein. Dort kam er zu sich selber und schaute um sich: alles war so unbekannt! Unsicherheit beschlich ihn. Auf Händen und Füßen kroch er ein wenig zurück, gleichsam in einen Zwischenbezirk, wo es wieder etwas jüdischer aussah. Er wurde nun „Mosaist", bibeltreu, aber in scharfer Abwehr gegen den Rabbinismus. — Aber Jude blieb er durch und durch: seine vollkommene Ehrlichkeit, seine brüsken Denkwendungen, seine Gleichgültigkeit gegen die Meinung der anderen, wenn er sich im Recht glaubte, sein Gleichmut gegen jeden Gemeindeskandal, sein vollständiger Mangel an Hochachtung für Formen und Salonfähigkeit, seine Bekenntnistreue für das in anderen Augen Lächerliche, seine Unbekümmertheit um das Gelächter ringsum, — alles dies ist kennzeichnend für den übervollen, sich intellektualisierenden jüdischen Proletarier, von dem Andre Spire sagte, daß er der einzige Proletarier sei, auf den er noch sein Vertrauen setze. Der Proletarier verliebt sich in Reginele, die kleine Näherin. Abends sitzt er auf ihrer Stube, wo noch eine Freundin und deren Freuna, ein junger Barbier, sich einfinden. Und dann, wenn die Liebe wie ein Öfchen seine Debattierlust wärmt, kommentiert er vor ihnen Rousseaus „Nouvelle H&oise", erzählt er den Mädchen von der Unsterblichkeit der Seele und verteidigt er gegen den Barbier Moses* Lehre gegenüber der von Jesus. Im Innern aber zweifelt er noch: zum Rabbinismus kann er nicht mehr zurück, keine offenbarte Lehre kann mehr die seine sein. Nur dem Gedanken, der bestehenden Vernunft, vermag er zu dienen. Er will mit dem Geist genießen — und er will Liebe.