Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Alexandre Weill
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 683 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101189-3101200-3108717--6575-3108749- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Alexandre Weill 683 Natur freudig seine Auserwählung. Doch gleich darauf kam Matthis Stimme aus der Wirklichkeit: „Wo bleibst du doch? Es ist Zeit, wir müssen fort.*4 Und Weill rief aus seinem Halbtraum zurück: „Ja, der Tag ist gekommen. Wir müssen fort, Gott sprach durch deinen Mund!" So ging er. Zuerst wandte er sich an den Rabbi. Der sagte: „Kind, du hast Gottes Stimme gehört, gehe alsol" Und auch Heiser, der Bürgermeister, bibelfester Katholik, der seinen Spaß an dem Judenkind hatte, das schon damals hebräische Psalmen verfaßte, zog ihn an den Ohren und rief: „Sollst du hocken bleiben bei dieser Bande von Strolchen, Pferdehändlern, Schweinehütern und Kleinkrämern? Geh, wohin du magst, aber hier bleibe nicht! König in Israel wirst du werden." Weill war 13 Jahre alt, als er nach Metz zog, um zu studieren. Seine Mutter nähte 50 Frs. in das Futter seiner Jacke und segnete ihn. So wanderte er viele Jahre lang von Gemeinde zu Gemeinde und kam endlich in Frankfurt an. Damals war er schon zwanzig Jahre, doch klein von Statur, mit krummer Nase, intelligenten Augen und flockigem Backenbärtchen. Obgleich er Französisch ebenso gut wie Deutsch beherrschte, behielt er sein Leben lang den deutschen Kehlakzent bei. Das behinderte ihn stark, denn, obgleich Vollblutjude, fühlte er sich doch auch als „französischer Patriot von reinstem Wasser". Er mußte nun ernstlich daran denken, sein Brot zu verdienen. Da er eine schöne Tenorstimme hatte, wurde er zuerst Amateur-Chasan (Vorsänger) bei den Rothschilds, wo seine Stimme auffiel, dann, gleichfalls aus innerer Neigung, Chasan in der Frankfurter Hekdesch- Schul, wo seine Kunst bald so geschätzt wurde, daß man ihn zum ersten festangestellten Chasan ernannte. Seine Haupteinnahmen bestanden in den Geldern, die ihm nach Neujahr und Versöhnungstag durch enthusiastische Bewunderer seines mächtigen Schofarblasens zuflössen. In Frankfurt wohnte er in der alten Judengasse, bei einer brummigen Alten, Bella Schloß, die ihm für 3 Frs. im Monat eine Kammer vermietete. Nicht immer hatte er Geld, dann bezahlte er mit Kunst und Wissenschaft. Er lehrte Sarah, die alte jüdische Köchin, schreiben, oder er sang Sabbathlieder für das Fräulein. — Jeden Morgen versammelten sich die Thalmudisten beim Rabbiner Trier. Um x/2y stand Weill auf und begab sich zu ihm. Dort, wo er „lernen", seine Auffassung verteidigen und sich heißreden konnte, fühlte er sich in seinem Element. In dieser Umgebung wird er endgültig geformt, sodaß er, wie sein Biograph Dreyfuß mit Recht bemerkt, auch wenn er sich später von dem offiziellen Rabbinat lossagt, doch auch als halber Ketzer noch der stets heftige, gutmütige, ernste, spöttelnde Jeschiwah- Bachur dieser Jugendtage bleibt. Und dieser Abfall kam bald: Weill will jetzt auch ein Mann seiner Zeit werden, er will die westlichen Literaturen kennen lernen, er liest alles, das von rechts und das von links. Aber nicht nur an Wissenschaften, Kunst und Literatur will er Teil haben, sondern an allem Geschehen dieser Erde. Der feurige kleine Kerl stürzt sich kopfüber in die revolutionären Theorien, verkündet laut seine Liebe zu Frankreich, dem roten Lande, das sich für einen neuen Umsturz bereitet: