Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1923-01-01 · Heft 12 · p. 682

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 12
Article
Alexandre Weill
Date
1923-01-01
Page
682 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3101111-3101189-3101200-3108717--6574-3108748
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

482 Sregfried van Praag: Im Elsaß war er geboren, auf dem französischen Ufer, dem badischen Schloß gegenüber. Er war ein kleiner, schmächtiger Judenjunge, der im Wald von Schirrhof seines Vaters Pferde hütete. Ein verträumter kleiner Junge, mit einem ungestümen Drang nach Taten des Geistes. Seine Mutter Gittele, so erzählt er, war eine fromme Frau, die keine Sünde kannte. Jeden Morgen bat sie Gott um einen Sohn, denn sie besaß vor Alexandres Geburt nur drei Töchter. Und Weill, der sich stets als einen Auserkorenen in Israel ansah, sagt: „Wie Hanna, die Frau Elkanahs, so bat sie ganze Morgen lang in ihrem Herzen, während nur ihre Lippen sich bewegten. Keine ihrer Nachbarinnen wußte, woher die Andacht Gitteles von Bischheim herrührte/* Und wie einst Hanna, so gelobte auch. Gittele, ihren Sohn Gott zu weihen. Der alte Dorfpastor hörte sie einst beten und sprach: „Was erbittest du doch vom Gott Israels, Gittele?" — „Einen Sohn," antwortete das Frauchen, „der Gott verkünden wird von Ewigkeit zu Ewigkeit." Da sagte der Pastor: „Höre doch auf zu beten: ein Jude mehr auf Erden heißt ein Unglücklicher mehr auf Erden." Doch das Frauchen verstand nicht; im Traum hatte sie ihren Sohn schon gesehen. „Mein Sohn wird ein Zaddik sein .... Rabbi soll er werden . . . ." Der Sohn ward geboren und wuchs auf, war klein von Gestalt und hatte feines, lockig-üppiges Haar und eine Stimme so klar wie die eines Hirten in einer Pastorale, Er kam in Berührung mit anderen Jungen seines Dörfchens, doch diese hatten nicht „am Quell des ewigen Lebens getrunken". „Nie hatten sie das höchste Wesen geschaut im Worte seiner Propheten"; diese kleinen Jungen fluchten und stritten sich und logen, und vor allem haßten sie die Juden. Wie oft haben sie ihn gequält, geschlagen, ausgeschimpft, haben ihm sein Spielzeug abgejagt — ihm, dem Großneffen König Davids! Weill hatte Angst vor diesen kleinen Jungen, Ungerechte waren sie, Feinde Gottes, die weder Recht, noch Mitleid, noch Liebe kannten. Doch war unter ihnen einer, der gut war, und zusammen liefen sie, die Arme um die Schultern des anderen geschlungen. Das war Matthis, ein Waisenknabe, dessen Vater hingerichtet worden war, weil er aus Eifersucht seine Frau ermordet hatte. „Die Unglücklichen sind natürliche Brüder." So fanden dieser Jude und dieser Christ zueinander. Einst, als Alexandre im Frühling wieder die Pferde hüten mußte — er war zwölfjährig—da fiel er in Schlaf und träumte, daß der Himmel sich teilte und ein Engel zu ihm kam, ihn berührte und sprach: „Steh auf, Jüngling, gürte deine Lenden und ziehe von hinnen!" Was aber sollte er tun, über den plötzlich in dem kleinen elsässischen Nest ein prophetischer Geist kam? Bange war ihm zwar nicht vor seiner Berufung, denn der Engel hatte gesagt, daß er erkoren ward, weil nur er allein und seine Mutter „Gottes Altar im Herzen trugen". „Fürchte dich nicht", hatte er ihm zugerufen, „denn ich begleite dich und werde dich nicht auf der Hälfte des Weges straucheln lassen!" Als der kleine Weill aufwachte, war der Morgen herrlich klar und von der weiten Himmelsluft bis zum kleinsten Grashälmchen feierte die ganze

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.