Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Verdrängung und Durchbruch in der jüdischen Seele
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 680 (sequence 6)
- Language
- German
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680 Joseph Präger: Verdrängung und Durchbruch in der jüdischen Seele Problem dar. Der assimilierte jüdische Forscher — und welcher aus der Generation derer, die.das Studium der Lehre Israels mit der Forschung in der Weisheit der Völker der Welt vertauscht haben, wäre nicht assimiliert? — trägt ja auch den verdrängten Komplex des Judentums in sich. Und ohne Willen und Wissen wirkt auch in ihm bei allen seinen Arbeiten das „ewige Leben, das in uns gepflanzt ist". Der jüdische Seelenforscher Freud schuf aus Beobachtung und Überlegung die Theorie der Verdrängung. Sollte nicht auch bei dieser Schöpfimg der jüdische Geist, ihm selbst nicht bewußt, mitgewirkt haben? Ich will hier nicht, wie man es in dem oft häßlichen Kampfe um seine Theorie mehrfach spöttisch und ernsthaft getan hat, Freud selbst der Psychoanalyse unterwerfen; aber mir liegt die Frage am Herzen, ob nicht vielleicht die Theorie der Verdrängung, die, wie wir gesehen haben, auf die Erscheinung des in der fremden Kultur wirkenden, von seiner Urquelle abgedrängten Galuthjuden so auffällig paßt, selbst im jüdischen Geiste wurzle. Daß Achad Haam in seinem schönen Aufsatz „Cheschbon Hanefesch" bereits ein Jahrzehnt vor Freud Gedankengänge entwickelt hat, die der Verdrängungstheorie außerordentlich nahe stehen, sei hier nur nebenbei erwähnt. Eine andere, viel ältere Äußerung soll hier angeführt werden die uns einigen Aufschluß geben kann. Der letzte Satz unserer täglichen Thorahlektüre des Sch'ma (IV M 15, 41) enthält zweimal die Worte „Ich bin der Ewige euer Gott", Der Midrasch (Sifre) fragt nach dem Grund dieses zweimaligen Hinweises und antwortet dann: Israel könnte vielleicht einmal sagen: Er ist unser Gott, nun ja; wenn wir seine Lebensvorschriften erfüllen, dann wird er uns, seinem Volke, den Lohn dafür gewähren. Aber wir wollen nicht! wir verzichten auf diesen Lohn und wollen frei sein! Wir wollen wie die anderen Völker sein, ihre Werte zu den unseren machen (Ez. 20,32). Das, sagt der Midrasch, geht nicht. Das zweite „Ich bin der Ewige euer Gott" bedeutet: selbst gegen euren Willen bin und bleibe ich euer Gott, ihr könnt gar nicht von mir los, wie sehr ihr euch auch müht. Die Kraft eurer Seele, von der ihr lebt, mit der ihr schafft, bleibt immer die gleiche, die ich hineingelegt habe, ihr mögt sie „verdrängen", aber ihr könnt sie niemals beseitigen. Unsere alten Weisen waren keine Fachpsychologen, aber sie kannten die menschliche Seele gut; und besonders gut kannten sie die Seele des „hartnäckigen Volkes", in der immer wieder der Kampf entbrannte um die Entscheidung, ob es seinem Herzen und seinen Augen folgen solle, die es zu den Sitten und Wertungen der anderen Völker zogen, oder ob es tun solle, was sein Gott ihm befohlen und was es zu tun gelobt hatte, ob es sein Volk werden und bleiben wolle. Immer wieder lenkte es auf den falschen Weg; immer wieder versuchte die in ihm wirkende göttliche Kraft auszuschalten, um zu sein wie die anderen Völker. Aber nie kam es frei von dem „verdrängten Komplex" seiner göttlichen Aufgabe, der immer wieder mit elementarer Wucht bei ihm durchbrach. Dies wußten die Weisen des Midrasch, und sie erkannten darin auch das allgemeine Gesetz der jüdischen