Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Verdrängung und Durchbruch in der jüdischen Seele
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 679 (sequence 5)
- Language
- German
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Verdrängung und Durchbruch in der jüdischen Seele 679 infolge der Verschiebung des Wertmaßstabes — im Inneren das Nicht-mehr- Jude-sein-Wollen einher und schuf hier die Erkrankung der jüdischen Seele» III. Verdrängte Komplexe, wir sagten es schon, sind nach der Theorie der Psychoanalytiker keineswegs aus dem Seelenleben des betreffenden Menschen ausgeschieden, sie sind vielmehr hinter der Barriere des Bewußtseins unausgesetzt tätig. Nicht nur, daß sie dauernd das Bestreben haben, hinter dieser Barriere hervorzubrechen, so daß stets eine gewisse Summe psychischer Energie erforderlich ist, um den Zustand der Verdrängung aufrecht zu erhalten, sondern sie äußern sich trotz der Verdrängung ohne Wissen und gegen den Willen des betreffenden Menschen bei allen seinen Handlungen, indem sie gerade jene feinen Regulierungsmechanismen entscheidend beeinflussen, die das Charakteristische in der Erscheinung eines Menschen ausmachen. Gesichtsausdruck, Rhythmus der Bewegungen in Gang, Sprache und Schrift geben dem Psychoanalytiker wichtige Anhaltspunkte für das Vorhandensein verdrängter Komplexe, und auch im schriftstellerischen Stile ist dem geübten Leser die Mitwirkung solcher Komplexe unschwer erkennbar. Der Jude nun, schon der Assimilationswillige, aber noch mehr der wirklich Assimilierte, der sich endlich ganz mit der Kultur der Umwelt verwachsen fühlt,.dem die jüdischen Inhalte, und erst recht die jüdischen Wertungen, fremd, ja unverständlich geworden sind, ist geradezu ein Typus solchen Komplexträgers geworden. Sein Judentum, ihm selbst kaum noch bekannt, sicher als treibende Kraft seiner Seele ihm nicht mehr bewußt, ist doch in den letzten Tiefen, dort, wo seine seelischen Quellen entspringen, immer mittreibend und mitformend, häufig auch gestaltend und entscheidend am Werk. Der Vergleich mit dem gepfropften Obstbaum liegt nahe und ist zutreffend: wie auf den Stamm des Birnbaums vom Gärtner ein Apfelreis gepfropft wurde, weil Äpfel zu produzieren ihm aus irgend welchen Gründen ratsam schien, so ist auf den alten Stamm des ungeschwächt produzierenden jüdischen Geistes der blühende Zweig europäischer Kultur und Wissenschaft aufgesetzt worden. Der Baum bringt nun herrliche Äpfel, an Reichtum, Form und Farbe der Früchte von denen eines wirklichen Apfelbaums nicht zu unterscheiden, wegen des guten Geschmacks und guten Aromas sehr geschätzt; nur der Fachmann erkennt prüfend den birnigen Geschmack und weiß, daß die Wurzel, aus der die Kraft zu solcher Reifung stammt, einem Birnbaum gehört. Was der Jude als Kaufmann, Wissenschaftler, Künstler, Schriftsteller in europäischer Kultur geschaffen hat, gehört zu Europas Früchten, teilweise zu seinen wertvollsten Früchten, wird aber aus den ungeschwächten Triebkräften der jüdischen Wurzel gespeist, erhält von ihr den „birnigen" Beigeschmack, der den Früchten ihre Eigenart und damit auch ihren eigentlichen Wert gibt. Beispiele brauchen hier nicht gegeben zu werden. Das Problem des „Juden in.der deutschen Literatur" ist ja jedem geläufig. Doch auch der „Jude in der modernen Wissenschaft" stellt dasselbe