Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Verdrängung und Durchbruch in der jüdischen Seele
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 681 (sequence 7)
- Language
- German
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Siegfried van Praag: Alexandre Weill 68t Seele, daß sie die in ihr wirkende Urkraft nur zeitweise und nur um den Preis der eigenen Gesundheit verdrängen, nie aber ganz eliminiereri kann. Und diese Erkenntnis haben sie nach ihrer Art in die überraschende Deutung jenes Bibelverses gekleidet. Zwei Jahrtausende nach ihnen hat der Jude Freud seine Verdrängungstheorie formuliert. Andere Erfahrungen und andere Gedankengänge waren es, die ihn dazu gebracht haben. Ob der große Verdrängungsprozeß, der sich in ihm, wie in jedem Juden seiner Zeit, an dem Komplex „Judentum" abgespielt haben mag, beim Zustandekommen seiner Theorie formend und treibend mitgewirkt hat, können wir nicht wissen. Aber eines wissen wir wohl: Unsere ganze heutige jüdische Generation, — vielleicht erst durch Freuds Arbeiten auf den Verdrängungsmechanismus aufmerksam geworden — kennt und spürt bei sich die Wirkung des verdrängten Komplexes „Judentum". Noch ein Weininger kannte sie nicht; und stand doch, als ei; vor zwanzig Jahren sein unseliges Buch schrieb, ganz und gar unter der Wirkung seiner Verdrängungskrankheit, die so schwer war, daß er an ihr schließlich zugrunde ging. Was die psychoanalytisch tätigen Ärzte mit ihren Kranken immer erstreben: den unter der Schwelle des Bewußtseins störend wirkenden Komplex zu den normalen Bewußtseinsvorgängen heraufzuheben, und sp_seine Kräfte dem übrigen Kräftespiel der Seele einzugliedern, das hat sich in den letzten zwanzig Jahren in der jüdischen Seele großenteils vollzogen. Die Wertsetzung ist wieder anders geworden. Wenn schon die Tatsache unserer Assimilation hier in der Galuth nicht geändert werden konnte, so hat wenigstens das „nicht Jude sein Wollen" aufgehört, und so brauchte und konnte der Komplex Judentum nicht mehr in der Verdrängung gehalten werden. Der erste Schritt zur Heilung der kranken jüdischen Seele ist getan. SIEGFRIED VAN PRAAG / ALEXANDRE WEILL (1811/1899) I. Alexandre Weill war Dichter, Prosaiker, Geschichtsschreiber, Theologe. Auf keinem dieser Gebiete jedoch erntete er Ruhm; der blieb ihm mit Recht versagt. Worin bestand also seine unzweifelhafte Größe? Darin, daß er 88 Jahre in einer Illusion lebte, die wirklicher und greifbarer war als die Wirklichkeit; daß die Illusion, in die er sich als Kind hüllte und die für die meisten von uns bei der ersten Berührung mit der Gesellschaft, in Stücke reißt, diesem Manne noch im Jahre 1899 unversehrt als Leichentuch dienen konnte. Weill hielt sich für einen Propheten in Israel; und wer sich sein ganzes Leben lang aufrichtigen Herzens dafür hält, der hat wohl auch ein echtes Stückchen vom Propheten in sich.