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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 12 · p. 678

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 12
Article
Verdrängung und Durchbruch in der jüdischen Seele
Date
1923-01-01
Page
678 (sequence 4)
Language
German
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678 Joseph Prager: Sehen wir nun noch etwas näher zu: Warum wird denn verdrängt? Nach Freud sollen es meist Erinnerungen oder Wünsche sexueller Natur sein, die zu der sonst „anständigen*' Persönlichkeit nicht „passen". Nun, wir wissen jetzt, daß die sexuelle Natur der Komplexe keineswegs immer zutrifft, jedenfalls nicht wesentlich ist. Wesentlich ist nur, daß die Komplexe mit stärksten Kräften des Affekts an die Persönlichkeit gebunden sind, aber mit der freiwillig oder unter dem Zwang der Verhältnisse gestalteten Lebensführung in Widerspruch stehen. Und zwar ist dieser Widerspruch kein absoluter, kein naturnotwendig gegebener, sondern er entsteht erst dann, wenn eine bestimmte Wertung dieser Lebensführung, ein Streben nach Geltung in der einmal übernommenen Lebensform vorhanden ist. Der Komplex muß erst dann verdrängt werden, wenn im Gegensatz zu den Kräften und Strebungen der eigenen Seele fremde Wertmaßstäbe zur Grundlage der Lebensführung genommen werden, wenn dann die eigenen Inhalte an diesem anderswoher geholten, also eigentlich inkommensurablen Wertmesser dennoch gemessen werden und dann natürlich wertlos erscheinen. Um es nochmals kurz zu sagen, nicht das Anders sein, sondern die andere Bewertung macht einen Komplex verdrängungsfähig und verdrängungspflichtig. So ist es in der Seele des Einzelnen, so auch in der Kollektivseele von Völkern und Gruppen. Nun sehen wir deutlich, wie die moderne Krankheit der jüdischen Seele sich als Verdrängungskrankheit im Freudschen Sinne darstellt: Diese Seele war gefüllt mit reichsten eigenen Inhalten und gesegnet mit stärksten eigenen Kräften; sie war mit den Affekten einer jahrtausendalten, durch unerhörte Martern immer wieder geprüften und bewährten Treue und einer an unzähligen Leiden stets neu gestärkten Liebe an sie gebunden, und wurde nun in das europäische 19. Jahrhundert hineingeworfen, das, aus ganz anderen Wurzeln stammend, aus ganz anderen Quellen gespeist, seine eigenen, von den jüdischen sehr verschiedenen Inhalte und Kräfte entwickelt hatte. Und auf diesen ihr so ganz fremden Rhythmus, der im wesentlichen von der unaufhaltsam fortschreitenden Technisierung, Mechanisierung und Kapitalisierung des Lebens beherrscht wurde, mußte sich die jüdische Seele nun sofort einstellen. Unvereinbar erwiesen sich da ihre alten Inhalte und Strebungen mit den Erfordernissen dieses Lebens, oder wenigstens sie erschienen den Menschen unvereinbar, die in dieses Leben sich einzustellen für ihre wichtigste und dringendste Aufgabe hielten. Der Wertmaßstab der anderen war allein noch gültig, auf der Wage der Kultur der anderen Völker wurde alles Eigene (angefangen von der Tracht und Kleidung, über Ausdruck, Sprache, häusliches und Gemeinschaftsleben hinweg, bis schließlich zum Letzten und Heiligsten, der Form und dem Inhalt des religiösen Lebens) gewogen und zu leicht befunden. Diesem, mit vollem Bewußtsein sich abspielenden Prozeß der Assimilation entsprach in der Tiefe der Seele im Reich des Unbewußten der Verdrängungsprozeß. Denn mit dem nach außen als wirtschaftlichen und kulturellen Vorgang in Erscheinung tretenden Willen, den Anderen ähnlich zu werden, ging —-

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