Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Verdrängung und Durchbruch in der jüdischen Seele
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 677 (sequence 3)
- Language
- German
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Verdrängung und Durchbruch in der jüdischen Seele 677 geschulte Beobachter erkennen kann. Zweierlei Arten und Entstehungsarten solcher Komplexe gibt es: entweder sind es individuelle Erlebnisse aus früher Kindheit oder auch späterer Lebenszeit, deren Erinnerung so gräßlich wäre, daß die mit ihr behaftete Persönlichkeit bis zur Unbrauchbarkeit entwertet würde, oder es sind angeborene, von uralter Ahnenzeit ererbte Triebe, Instinkte und Wünsche, die im kultivierten Leben des modernen Menschen nicht verwirklicht werden können und dürfen. II. Soweit die Verdrängungstheorie Freuds l). Als Juden, denen das Studium der jüdischen Seele Bedürfnis ist und denen daher die Beobachtung aller ihrer Bewegungen und Wallungen und das Belauschen ihrer Schwingungen zur Aufgabe wurde, interessiert uns diese Theorie der Verdrängung in einem Maße, das weit über das allgemeine Interesse an einer neuen psychologischen Theorie hinausgeht. Wir horchen auf. Verdrängung alter ererbter Strebungen und Triebe, um sich die Wertung und Stellung in der durch Sitte und gesellschaftliche Moral normierten Kultur zu sichern? Das ist ja unser Fall! Schon beim einzelnen Juden mag oft genug ein individuelles Erlebnis in früher Kindheit ihm sein Judesein zu einem mit seiner Gesamtpersönlichkeit unvereinbar erscheinenden Komplex gemacht und ihn bis zur Verdrängung gebracht haben. Deutlicher aber wird der Komplex noch bei der Gesamtheit der durch das Emanzipations- und Assimilationsjahrhundert gegangenen westeuropäischen Judenheit. Diese Judenheit, wie sie sich etwa zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelt hatte, ist, so pflegt man zu sagen, krank an ihrer Seele. Man spricht, seit etwa zwanzig Jahren, viel von der „Zerrissenheit der jüdischen Seele", und meint wohl damit, daß sie hin- und hergerissen sei zwischen ihrer Liebe und Zuneigung zu den überlieferten jüdischen Werten einerseits und der gewollten und gemußten Teilnahme an Europas Kultur andererseits. Heinrich Heine am ersten und Jakob Wassermann am letzten Höhepunkt dieser Periode werden etwa als Beispiele und Beweise dieser Zerrissenheit angeführt. Aber tiefer, als es uns bei solchen Betrachtungen erschien, geht der „Riß". Er geht bis in die letzten Tiefen der Seele, bis dorthin, wo ihre eigentlichen geheimnisvollen Triebkräfte ruhen, die allem seelischen Geschehen Kraft und Rhythmus geben, bis in die letzten Wurzelspitzen, wo die Nährstoffe für den ganzen weitverzweigten Baum der Seele ausgewählt und aufgesogen werden; ja, es ist überhaupt gar kein Riß mehr, sondern es ist das Aufgeben und das Ausschalten dieser am Ursprung des Seelenlebens wirkenden Kräfte, oder sagen wir richtiger, das Ausschaltenwollen; denn nur ein Versuch ist es, ein Versuch, der Unmögliches erreichen will; und gerade dies ist der Tatbestand der Freudschen Verdrängung. *) Die „Konversion", d. h. die Umsetzung der Komplexwirkung in körperliche Störungen, betrifft vorwiegend die medizinische Seite der Theorie. Diese, wie auch die weitere Ausgestaltung der Freudschen Lehren bleibt hier un erörtert, Es kam uns nur auf die Darstellung des Verdrängungsbegriffs an.