Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Verdrängung und Durchbruch in der jüdischen Seele
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 676 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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676 Joseph Prager: ohne Seele44 orientiert war — die jüdischen Forscher damals nicht lockte. Jedenfalls ist das in den letzten 2 Jahrzehnten anders geworden, und in der gegenwärtigen psychiatrisch-psychologischen Literatur kann man sich über mangelhafte Mitarbeit jüdischer Autoren nicht mehr beklagen. Einer von ihnen, der Wiener Nervenarzt Sigmund Freud, hat aber eine überragende Bedeutung erlangt, einmal weil eine große Zahl von Schülern und Jüngern, und hier nun gerade unverhältnismäßig viel Juden, seine Anschauungen verbreitet, sowie weiter aus-, um- und mißgestaltet haben, was zu heftigen Kämpfen mit den Gegnern und auch unter den Anhängern selbst führte; dann aber weil seine Lehre, weit über das Fachgebiet der seelischen Erkrankungen hinausgreifend, auf viele Gebiete des Geisteslebens eingewirkt und hier ebenfalls Anlaß zu mancherlei Kämpfen gegeben hat. Es ist hier nicht der Ort, diesen Kampf um die Freudschen Lehren, die man mit dem Sammelnamen Psychoanalyse zusammenzufassen pflegt, darzustellen oder gar in ihm Stellung zu nehmen. Psychologen und Psychotherapeuten haben unter sich noch genug damit zu tun. Und auch die neuerdings versuchte Anwendung der Psychoanalyse auf spezielle Erscheinungen des jüdischen Rituallebens (Kol nidre, Schophar) scheint mir nicht wichtig genug zu sein, um vor den Lesern dieser Zeitschrift erörtert werden zu müssen. Die Spreu, die beim Dreschen von Weizen entsteht, wird der Wind ohne unser Zutun verwehen, wir brauchen sie nicht wegzukehren. Wichtig aber ist für uns, durch das Rankenwerk der Symbolik und Deutungen zum Kern der Theorie durchzudringen und zu versuchen, ihr Wesen und ihren Ursprung aus unserer besonderen Einstellung zu verstehen. Auf zwei grundlegenden Annahmen vom Wesen des seelischen Kräfteumsatzes baut sich die Freudsche Theorie auf: auf der „Verdrängung" und der „Konversion". Unter der Verdrängung wird eine Aktion der Seele verstanden, mit der sie Komplexe von Vorstellungen, Erinnerungen oder Strebungen, die aus irgend welchen Gründen mit dem durcfr Kultur, Sitte oder äußere Lebenserfordernisse geformten Wesen der betreffenden Persönlichkeit unvereinbar erscheinen, aus dem Kreise der bewußten Vorstellungen in die angenommene Sphäre des Unbewußten abzuschieben, und dort vor dem Wiederauftauchen ins Bewußtsein sicher zu verwahren vermag. Freilich nicht ohne hierzu dauernd eine erhebliche Summe von psychischer Energie zu verbrauchen, so daß der betreffende psychische Organismus durch die vollzogene Verdrängung sein Kräftegleichmaß eingebüßt hat und unter Umständen neurotisch erkranken kann. Denn die von der Helle des Bewußtseins abgedrängten Komplexe sind nach der Theorie keineswegs tot oder unwirksam geworden, sie sind vielmehr höchst lebendig und lauern stets auf einen Moment, wo der Druck, der sie im Dunkeln halten will, sich irgendwo lockert; und sobald das, z. B. im Schlaf oder in der Zerstreutheit oder durch eine „nervöse Konstitution", einmal geschieht, benutzen sie die Gelegenheit, um als Träume oder „Fehlhandlungen" des täglichen Lebens (Vergreifen, Vergessen, Versprechen) oder als neurotische Krankheitszeichen an die Oberfläche zu kommen, wo sie dann der psychoanalytisch