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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 10-11 · p. 669

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 10-11
Article
Kritische Übersicht über die neuere Literatur
Date
1923-01-01
Page
669 (sequence 3)
Language
German
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Umschau: Bibelwissenschaft 669 zu freundlicher Beachtung empfohlen werden darf. Die religiösen Anschauungen stehen natürlich tief unter „unsern christlichen"; daß Gott allmächtig, allwissend, allgegenwärtig sei, darf man von diesen hebräischen Sagen natürlich nicht erwarten, an unserer evangelischen Sittlichkeit dürfen sie allerdings nicht gemessen werden, die Erzväter lügen und betrügen, aber wie volkstümlich, wie naiv ist dies, mit welchem Humor, mit welcher Kunst wird es geschildert! Die Bibel müßte sich dies gefallen lassen, wenn es wahr wäre. Aber es ist nichts als grobes Mißverständnis, und vergebens pro* testiert man dann gegen seine Ausbeutung durch einen Delitzsch, einen Chamberlain, einen Fritsch und ihresgeichen. — Das Ge* sagte gilt mehr oder minder auch von Greß* mann, der in denselben Spuren wandelt. Sein Werk behandelt das 2. Buch Mose bis Richter und Ruth. Denn erst nach dieser Zeit beginnt die eigentliche Geschichtschreibung. Nach einer kürzeren Einteilung entfällt etwa die Hälfte auf die Thorah, und insofern ist es gleichfalls nur die populäre Bearbeitung eines älteren Werkes desselben Verfassers: Mose und seine Zeit, ein Kommentar zu den Mose-Sagen 1913. Er gibt von jeder Sage gleich die Fassungen von J, E, P nebst den Varianten hintereinander. Bei dem gleichen Standpunkt und den gleichen Methoden sind die exegetischen Mißverständnisse und Entgleisungen nicht minder zahlreich. So wird, um nur einige Beispiele aus dem zweiten Buche anzuführen, 2,2 wieder übersetzt: „Er blickte nach allen Seiten und als er merkte, daß Niemand sonst zugegen war, erschlug er den Ägypter" und im Kommentar: „nachdem er sich zuvor vergewissert hat, daß kein Zuschauer vorhanden sei." Der wahre Sinn ist: daß kein Mann da sei, der einschreite (vgl. Jes. 59, 16). Erst diese Erklärung zeigt Mose in seiner wahren Gestalt, wie wir ihn sonst kennen. Daß die Erzählung von Moses Berufung c. 3, 4 eine einheitliche Komposition von höchster Kirnst und voll Tief sinn ist, habe ich gegen das totale Mißverständnis der Kritik kürzlich gezeigt.1) pür Greßmann ist sie als Ganzes unlesbar und unverständlich. So werde gleich im Eingang berichtet, daß Mose sein Antlitz vor der Gottheit verhüllt habe, während von einer *) „Mose am Dornbusch" in der Monatschr. f. Gesch. u. Wissensch, d. Judentums 1922. E n thüllung nicht weiter die Rede sei. Aber: es wird auch erzählt, daß er seine Schuhe auszuziehen hatte, nicht aber, daß er sie wieder angezogen habe! Stehen sie am Ende gar noch jetzt am Dornbusch? Solcher Unbedachtheiten findet man in beiden Werken eine große Menge. Ebensowenig sind die zehn Plagen verstanden. Daß sie nach einem einheitlichen Plan kunstvoll in drei Gruppen zu je drei mit der zehnten als Bekrönung geordnet seien (wobei immer die dritte das Siegel auf die beiden ersten ist), weiß jedes jüdische Kind aus der Peßachhaggadab — die wissenschaftlichen Kommentare und Greßmann haben nichts davon gemerkt. Selbstverständlich treffen wir wieder die alte Fabel an, daß die Israeliten dem Pharao die Wahrheit verschwiegen und die Ägypter bestohlen haben. Dafür zeigt uns die ästhetische Betrachtung, mit welcher Schlauheit dies bewerkstelligt und mit welcher Kunst es erzählt wird. „Die Erzähler haben an dieser Läge ihre Freude gehabt und ihre beste Kunst daran gewandt, ohne unmittelbar zu lügen, doch die Wahrheit zu verschleiern und überdies den Vorwand so glaubwürdig zu machen wie möglich.... Spätere Erzähler haben ihre Freude daran gehabt, den Diebstahl noch etwas zu vergrößern.... Wirkungsvoll ist auch die Art, wie die Ägypter um ihre Kostbarkeiten geprellt werden.... IHWH nimmt' offen für Israel gegen die Ägypter Partei und begünstigt Täuschung und Diebstahl." Ich hoffe demnächst an derselben Stelle diesem' Gerede für immer ein Ende zu machen und zu zeigen, daß gerade dieser Zug die ganze sittliche Größe der Erzählung offenbart. Gründlich verkannt ist auch die Erzählung von der Offenbarung am Sinai. U. a. wird wieder die längst widerlegte Theorie von einem Vulkanausbruch vorgebracht (auch die Wolken- und Feuersäule soll aiif vulkanische Erscheinungen zurückgehen), — Aus diesen Proben wird zur Genüge erhellen, daß dem Juden weder Gunkel noch Greßmann Führer sein können noch dürfen, was sie übrigens wohl auch gar nicht wollen, da sie sich vielmehr an den protestantischen Leser wenden. Wir lehnen schon jede „Auswahl" in usum Delphini ab. Der Dauphin, für den einst alles, was ihm anstößig und langweilig sein könnte, beseitigt wurde, für den nun ein neuer Kanon und eine neue Textgestalt hergerichtet werden soll, ist heute der Gebildete. Wir aber verlangen: für den Menschen das ganze Buch und für

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