Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Kritische Übersicht über die neuere Literatur
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 668 (sequence 2)
- Language
- German
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668 Umschau: Bibelwissenschaft sagen bis zu dem Schaf verfolgen, von dem die Flocke geschoren worden ist. Sie will ferner das literarische Erzeugnis nach einer Lehre von den Formen der Darstellung: des Mythos, der Sage, des Märchens und der Geschichte, der Rede, Dichtung und Belehrung stilistisch, psychologisch und vor allem ästhetisch verstehen, beurteilen und würdigen lehren. Es wird den beiden Autoren, besonders Gunkel, nachgerühmt, daß sie nach religions- und literaturgeschichtlicher Gelehrsamkeit, nach Formgefühl, Fähigkeit der Anempfindungund Einfühlung, Geschmack und nicht zuletzt einer starken Kunst der Darstellung und Sprache für eine solche Aufgabe hervorragend disponiert seien. Aber diese Anerkennung darf nicht hindern, auf die Mängel aufmerksam zu machen. In der Quellenscheidung folgt Gunkel meist den üblichen Aufstellungen. Wo er aber selbständig sein will, ist er ziemlich unglücklich (z. B. c n oder in der Abrahams- und der Josefsgeschichte). Die auf der nicht bloß berechtigten, sondern notwendigen Einordnung Israels in den jeweiligen allgemeinen Kulturzusammenhangberuhende Forschung nach den Quellen der biblischen Stoffe ist zu billigen, aber die Resultate sind trotz des reichen durch die Ausgrabungen gewonnenen Materials, herzlich mager, wenn man nicht vergißt, daß Parallelen noch keine Quellen sind. Es bleiben im Grunde für die Herkunft vom Osten nur der babylonische Schöpfungs- und Sintflutbericht und etwa noch die Reihe der zehn vorsintflutlichen Geschlechter. Bei der Schöpfungsgeschichte ist eigentlich der einzige und überdies schwache Vergleichspunkt die Tiamat (Tehom). Was die Sintflutgeschichte anbetrifft, so hielt es Referent selbst lange für selbstverständlich, daß die biblische von der babylonischen abhängig sei, bis ihn eine genaue Untersuchung belehrte, daß dies zum mindesten sehr zweifelhaft ist. Jedenfalls trägt die Vergleichung für das Verständnis der Bibel so gut wie gar nichts bei und ist eher geeignet, es zu verwirren. Fruchtbarer wird sie auf dem Gebiete des Gesetzes sein, wenn zu dem Wege von oben her der von unten her kommt. Dazu ist freilich eine intimere Kenntnis der „mündlichen Überlieferung" erforderlich, als sie von christlichen Forschern insgemein erwartet werden kann. Über die Natur der Erzählungen sind wir anderer Ansicht als Gunkel und Greßmann. Von Mythen finden wir keine Spur (auch c. 6 nicht), die Erzählungen sind nicht „naive Sagen", sondern tief durchdachte religiöse Lehrstücke, ihre Verfasser nicht arabische Märchenerzähler, sondern bewußte Theologen, Gotteskundige und Gottes verkünder. Ihre Volkstümlichkeit kommt daher, daß auch die höchsten Geister echte Kinder ihres Volkes waren, mit ihm dachten und fühlten, zu ihm redeten und dafür schrieben. Ihre Naivität ist die des Genies überhaupt. Es ist ganz falsch, zu behaupten, daßsienichtreflektiert haben, weil sie uns nicht laut vorreflektieren, und daß ihre Kunst nicht ausreichte, seelische Vorgänge darzustellen. Ihre Art ist freilich eine andere als die des modernen Romans. Sie setzen uns köstliche Gerichte vor, ohne uns in ihre Küche zu führen. Haben Phidias und Michelangelo nicht reflektiert, weil sie zu ihren Meisterwerken keine Kommentare mitgeliefert haben? Die Vorstellungen von der Entstehung (Sagen — Sagenkränze — Schule — Buch) und dem Vortrag der Erzählungen halten wir für verfehlt. Die Exegese geht in zahllosen Fällen gänzlich in die Irre. Für die stilistische Seite fehlt die sprachliche Sicherheit und das Gefühl für das Zulässige oder Mögliche. Die Konjekturen sind meist geradezu abenteuerlich. Fast ebenso schwach ist die psychologische, Deutung hauptsächlich, weil sie immermit einem ganz anders als dem unsrigen gearteten Seelenleben des „antiken" Menschen arbeitet und sich sein Gehirn mit den absonderlichsten Vorstellungen vollgestopft denkt, während vielleicht kein Buch der Welt so allgemeinmenschlich ist wie die Genesis und eben davon seine ewige Wirkung kommt. Nicht so gelehrt, aber fruchtbarer wäre eine anspruchslose Mikrologie der empirischen Psychologie, eine Beobachtung der kleinen und unscheinbaren Seelenregungen des Menschen, wie er zu allen Zeiten gewesen ist. Dabei würde freilich viel weniger vergleichende Religionsgeschichte herauskommen. Am verderblichsten aber dünkt uns die ästhetische „Würdigung". Das scheinbar objektive Kunstrichtertum wirkt noch peinlicher als eine massive dogmatische Subjektivität des evangelischen Theologen. Die beständige Vergleichung der hebräischen „Antike" mit der Modernen, wird mit einer überlegenen Herablassung und einer Gönnerhaftigkeit angestellt, nach der das A. T. trotz aller Lobsprüche schließlich doch nur eine interessante literarische Antiquität ist, die dem „modernen Gebildeten" immerhin