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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 10-11 · p. 665

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 10-11
Article
Bücheranzeige [Rezension]
Date
1923-01-01
Page
665 (sequence 5)
Language
German
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Umschau: Geschichte 66s quelle für die bewegte und fruchtbare Zukunftskeime bergende Gegenwartsgeschichte, deren lebendige Zeugen wir zum Teile selbsf gewesen sind. Dem Bedürfnis nach einem hebräischen Hilfsbuch der jüdischen Geschichte will J. N. Simchoni1) abhelfen, aus dessen Feder ein für höhere Schulen bestimmtes Geschichtswerk in seinem ersten, zwei Bände umfassenden Teile vorliegt. Auf Anregung des Lodzer Gymnasialdirektors Dr. Braude geschrieben und persönliche Erfahrungen im Unterricht berücksichtigend, ist diese, vorläufig bis zur zweiten Tempelzerstörung reichende Darstellung in stofflicher Hinsicht das Vorzüglichste, was wir bislang auf diesem Gebiete besitzen. Gehört doch Simchoni zu unseren kenntnisreichsten jungen Historikern, dem nicht nur die jüdischen Quellen, sondern auch die allgemeine historische Literatur innig vertraut ist. Die Darstellung hätte freilich lebendiger gestaltet sein können und auch für die Einteilung des Stoffes, der nach ziemlich äußerlichen Gesichtspunkten gegliedert ist, hätte sich, wenn Simchoni mehr den Wegen der modernen Historiographie gefolgt wäre, ein glücklicheres Schema finden lassen. Immerhin haben Lehrerund Schüler hebräischer Lehranstalten, sowie die für Geschichte interessierten hebräischen Leser in diesem Werke ein ausgezeichnetes Informationsbuch erhalten, dessen baldige Fortsetzung erwünscht ist. Die lange vernachlässigte Geschichte der Juden in Polen und Rußland hat auch in den letzten Jahren tüchtige Bearbeiter gefunden. Eine der wichtigsten Quellen zur Kenntnis der polnischen Judenheit in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hat M. Wischnitzer in den (hebräischen) „Memoiren des Baer Bolechower"2) vorgelegt. Dieser merkwürdige Mann, der zu den Pionieren der Aufklärung gehörte, selbst mehrere Sprachen beherrschte, eine bedeutende Rolle als Großhändler spielte, über ausgezeichnete Beobachtungsgabe verfügte, Welt und Menschen kennen gelernt hatte, ist mehr als ein geschwätziger Dilettant, der x) Jüdische Geschichte, Hilfsbuch für Lehrer und Schüler der oberen Klassen höherer Schulen, Teil I, Buch I, 5682; Buch II, 5683, Verlag „Moriah", Jerusalem, Berlin, Odessa. 2) Klal-Verlag, Berlin 1922—5683. seine eigene Persönlichkeit in den Mittelpunkt alles Geschehens zu rücken weiß: er ist ein Erzähler von Geschmack und Urteil, der Wichtiges von Nebensächlichem sondert, dessen Belesenheit ihm dem Zutritt auch zu nicht jüdischen Quellen eröffnet, ein Mann von Uterarischem Instinkt. „Bolechower", dem der Herausgeber, wohl aus einer Schrulle heraus, seinen richtigen Namen Birkenthal vorenthält, hat in seinem Memoirenwerk sehr wichtige Daten zur Wirtschafts- und Sektengeschichte der Juden, sowie Details zur politischen Geschichte zusammengetragen, so daß das Buch eine unentbehrliche Quelle für den Historiker bildet. Die Ausgabe vonWischnitzerkönntemehr erklärende Noten enthalten und müßte auch die Parallelstellen aus dem von Brawer im „Haschiloach" veröffentlichten Werke Birkenthals „Dibre binah"x) eingehender berücksichtigen. - Eine durch reichhaltige Materialsammlung wertvolle Monographie über „Die Juden und den polnischen Aufstand 1863" hat der verdienstvolle junge Historiker N. M. Gelber2) jüngstens veröffentlicht und damit seine früheren Untersuchungen über das gleiche Thema vervollständigt. Im Mittelpunkte der Darstellung steht die „polnisch-jüdische Verbrüderung", die ■— in dieser extremen Zuspitzung eine in der jüdischen Geschichte einzigartige Erscheinung— weit weniger auf gefühlsmäßige Regungen zurückgeht als auf reine Nützlichkeitserwägungen, indem die Polen von den Juden wirksame Unterstützung in ihrem Befreiungskampfe erhofften. Nicht in allen Schichten der jüdischen Bevölkerung und nicht an allen Orten wurde dieser Begeisterungstaumel geteilt. Und auch die Judenreform, als deren eifrigster Verfechter der Graf Wielopolski auftrat, vermochte, da sie letzten Endes der Assimilierung und der Polonisierung diente, in den breiten Massen nur schwache Resonanz zu finden. Der Aufstand brach zusammen und blieb mit allen seinen die Judenfrage tangierenden Begleiterscheinungen eine Episode. Die Darstellung wird durch wichtige Beilagen aus den Archiven ergänzt, die eine Fülle von Material zur Beleuchtung der Stimmung in den verschiedenen Bevölkerungskreisen, zur Biographie des Oberrabbiners Meiseis, Proben aus der Poesie der 1) Worte der Einsicht. 2) Verlag R. Löwit, Wien und Leipzig 1923, S. 235.

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