Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Bücheranzeige [Rezension]
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 664 (sequence 4)
- Language
- German
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664 Umschau: Geschichte vereinbar zu finden, Objektivität des Historikers ist niemals die desNaturwissenschaftlers, weil der Stoff der Geschichte nicht dauernd und unmittelbar unserer sinnlichen Wahrnehmung freisteht, und weil die in unserer Weltanschauung wurzelnden ethischen, politischen, sozialen Überzeugungen naturgemäß ihren Abklang in Werturteilen finden müssen. Bei allem Bemühen, die persönliche Anschauung durch den historischen Stoff in seiner ganzen Kompliziertheit und Mannigfaltigkeit bestimmen zu lassen, nicht aber umgekehrt, könnte nur eine trockene, apathische Natur, aber auch diese nicht einmal ganz, sich soweit ausschalten, daß das Ideal der „Objektivität" erreicht wäre, wobei der Gewinn noch recht zweifelhaft erscheint. Dubnow ist in gewissem Sinne (ich habe dies schon öfter ausgeführt) politischer Historiker, aber doch keineswegs so, wie es seineGegner ingeradezu unleidlicher, den Stoff vergewaltigenderWeise behaupten, daß ihm die Geschichte nur „Lehrmeisterin" für gewisse politische Doktrinen wäre. Gewiß betrachtet er, der jüdische Nationalist, die Dinge unter dem Gesichtspunkte des Auf- und Nieder* gangs der jüdischen Volkspersönlichkeit, aber er ist weit davon entfernt, in eine ähnliche kindische Einseitigkeit wieseine Gegner zu verfallen, die ihn bekämpfen zu müssen glauben, weil er das deutsche Volk zu kritisieren sich unterfangen hat und nicht die Ideologie der deutschen Staatsbürger, die auch deutsche „Volksgenossen" sein wollen, teilt Dubnows Werk ist in einem Punkte auffallend unvollständig. Ohne dem ökonomischen Materialismus, der nichts anderes als der Widerpart des historischen Idealismus ist, das Wort zu reden, scheint uns der sozialökonomische Faktor doch ein wenig vernachlässigt gegenüber den sehr weit ausgesponnenen und, wie wir rückhaltlos zugeben, in der dargestellten Epoche besonders tief einschneidenden Ereignissen der äußeren Geschichte. Es fehlt eine detaillierte Darstellung der wirtschaftlichen Aktivität der Juden, ihres Einflusses auf die Umgebung, der eigentümlich „jüdischen Ökonomie" usw., eine Darstellung, die weit über das meist nur andeutungsweise Erwähnte hinausgehen müßte. Aus solcher Darstellung, die den jüdischen Einfluß auf die Unweit und deren Widerspiel in der jüdischen Sphäre aufhellen würde, müßte erst eigentlich die aktive Rolle der Juden im Leben der Völker hervorgehen, die in dem Dubnowschen Werke etwas verblaßt erscheint Gewiß—die Kulturbewegung, die etwas mehr bedeutet als „Uterarische Fehden" — diese Prägung ist Eigentum des oben erwähnten Kritikers — hi natürlich eine Komponente der jüdischen Aktivität, aber zur Vervollständigung des Bildes ist eine Darlegung des wirtschaftlichen Prozesses unerläßlich. Hier hat Dubnow sein Material in Stich gelassen, hier eröffnen sich der künftigen Geschichtsschreibung noch weite Perspektiven. Trotz alledem ist es falsch, wenn behauptet wird, daß aus der Dubnowschen Darstellung die „ausgesprochen passive Rolle" der Judenheit folgere und das innere Band allenfalls „Schicksalsgemeinschaft" sei. überhaupt, was soll mit diesen ad usum delphini gesuchten Redensarten mehr gewonnen sein, als die Vergewaltigung von historischen Tatsachen um einer parteiideologischen Konstruktion willen? Unbeschadet des räumlichen Mißverhältnisses zwischen der Darstellung der äußeren und inneren Geschichte — die erste hat den überwiegenden Anteil — wird doch kein unbefangener Leser leugnen können, daß auch das von Dubnow entworfene Geschichtsgemälde uns eine sehr lebendige, nicht bloß von der größeren oder geringeren Gnade der Außenwelt abhängige, sondern ihr Schicksal, allerdings unter exzeptionellen Bedingungen, weitgehend selbst bestimmende Gemeinschaft mit einer gewaltigen wirtschaftlichen Aktivität und einem eigenartigen Kulturleben zeigt. Es wäre ein schlechter und eines Mannes vom Range Dubnows wenig würdiger Dienst, wollte man die unschätzbare Summe der Arbeit und die geistige Leistung, die sein Werk repräsentiert, mit der üblichen Wendung von dem glänzend geschriebenen Werk eines den Stoff meisternden Historikers oder durch , ähnlichen Klischeeredensarten lohnen. Die Frage, die von der Kritik vor allem zu stellen ist, lautet: welche Etappe bedeutet Dubnows Werk in der jüdischen Historio" graphie? Und darauf dürfen wir trotz aller Einschränkungen getrost antworten, daß die „Neueste Geschichte des jüdischen Volkes" eine ausgezeichnete Schöpfung darstellt, die, aus dem Geiste der nationalen Wiedergeburt geboren, bestimmt ist, die Ge- Schichtskenntnis in unserer Generation zu fördern. Ist sie auch schon um ihres Unifanges Willen nicht gerade ein Lehrbuch, so doch unstreitig die beste Information«-