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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 10-11 · p. 663

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 10-11
Article
Bücheranzeige [Rezension]
Date
1923-01-01
Page
663 (sequence 3)
Language
German
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Umschau: Geschichte 663 Juden fand. Auch damals wehrten sich die deutschen Juden gegen den nationalen Historiker, der ihr „nationales Empfinden'* durch die harte Kritik des Deutschtums verletzt und der dem Antisemitismus willkommenes Material geboten habe, und diese Abwehr ging soweit, daß man bei der Einsetzung einer historischen Kommission für die Geschichte der Juden in Deutschland Graetz überging. Wie lange noch, und die deutschen Juden werden, wie einst zu Graetz Zeiten in Treitschke, einen willkommenen Eideshelfer in der Person eines wissenschaftlichen Antisemiten finden? Diese Kritik von Dubnows Grundtendenz könnte hier übergangen werden, weil sie an der Peripherie haften bleibt und den Kern der Dinge unberührt läßt, wenn sie uns nicht gerade ganz besonders deutlich zeigte, wo die Scheidelinie zwischen der „nationalen Konzeption" und der nicht genau zu definierenden gegensätzlichen Auffassung läuft. Es geht um die Alternative: entweder die Darstellung der jüdischen Geschichte wird auf die Hervorhebung einzelner mehr oder minder markanter Äußerungen begrenzt oder wir erstreben die Erfassung des jüdischen Volkslebens in seiner Totalität. Den ersten Weg geht die Graetzsche Schule nach ihres Meisters Formulierung „Leiden und Lernen", die in jüngster Zeit in die tote Formel „geschickte Anpassung an Staat und Gesellschaft, Sammlung und Sichtung der Geistesgüter, Schaffung der religiösen und kulturellen Organisationen, gesteigerte Energie in der Erkenntnis der zu verteidigenden Eigenwerte"1) verdünnt wurde. Den zweiten Weg hat Dubnow versucht, der die „politische, sozial-ökonomische, kulturell geistige" Seite des'Lebens des jüdischen Volkes „auf dem Hintergrunde der Entwicklung seiner nationalen Persönlichkeit, deren Wachtums oder Sinkens" betrachten will. Es dürfte kaum einem Zweifel unterliegen, daß der „historische Idealismus", der die Graetzsche Konzeption kennzeichnet, abgesehen von anderen Mängeln, als überwunden deshalb angesehen werdenmuß, weil er wesentlichste Bestandteile ans dem Inhalt der jüdischen Geschichte schlechthin ignoriert und sich allein an die jüdische Passivität und anderseits an die spezifisch jüdische Geistigkeit klammert. Das Leben der Juden war mehr als die Summe die- *) Siehe meinen Aufsatz in Nr. 3 d. Jahrg. S. 189/192. ser Prozesse, und deshalb ist Dubnow in der Erkenntnis der Geschichts Vorgänge zumindest auf dem Wege zum Ziele weitergekommen. Noch mehr als durch die Tatsache cler größeren Mannigfaltigkeit und Vollständigkeit wird der Fortschritt der Dubnowschen Konzeption durch eine vertief tere Erkenntnis der Probleme gekennzeichnet. Wie hilflos steht die landläufige Geschichtsschreibung dem ihr so am Herzen liegenden Problem der Emanzipation gegenüber, das sie sub specie „Sieg der Gerechtigkeit", „Freiheit und Gleichheit", „geschickte Anpassung an Staat und Gesellschaft" u. dgl. betrachtet, und um wieviel mehr wird dieser bedeutungsvolle Geschichtsprozeß dem Verständnis nähergerückt, wenn man in ihm eine Etappe des jüdischen Existenzkampfes erblickt und die Frage aufwirft, inwieweit dadurch die Volkspersönlichkeit der Juden „sich behauptet und entwickelt und inwieweit sie sich nivelliert oder verwischt hat". Dieses Beispiel könnte durch eine Reihe ähnlicher Vergleiche erläutert werden. Selbst wenn wir Dubnows Geschichtsdarstellung als einen wichtigen weiteren Schritt nach vorwärts betrachten — welches synthetische Geschichtswerk dürfte mehr beanspruchen? — und ihm zugestehen, daß seine Erfassung der Geschichtsprozesse ungleich tiefer an das Wesen der Dinge heranreicht als das meiste, was die offizielle jüdische Historiographie bis jetzt produziert hat, so müssen wir nun doch einige Einschränkungen machen, die sich teils aus dem Stoffe teils aus den Grundanschauungen des Verfassers ergeben. Dubnow hat in dem vorliegenden Bande einen Zeitraum von 33 Jahren (1881—1914), also ein Stück Zeitgeschichte behandelt, das er selbst erlebt und an dessen Geschicken er aktiven Anteil genommen hat. Mehr als in den beiden früheren Bänden mußte hier die persönliche politische Einstellung die Stoffbehandlung beeinflussen. Die „zweite Reaktion", wie er diese Epoche zusammenfassend genannt hat, das Anschwellen der antisemitischen Welle, die Pogrome, die Emigration, die nationale Renaissance — dies alles hat Dubnow naturgemäß nicht nur mit dem Auge des Historikers geschaut, sondern auch als der Vorkämpfer für die jüdischen Rechte, für die autome Stellung unseres Volkstums und seiner Kulturgüter anteilnehmend begleitet. Es ist barer Unsinn, ihm dies zum Vorwurfe zu machen und mit der „Objektivität" un-

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