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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 10-11 · p. 659

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 10-11
Article
Der Zionismus bei Nordau
Date
1923-01-01
Page
659 (sequence 3)
Language
German
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Bemerkungen : Der Zionismus bei Nordau 659 Hchkeiten einer wirklichen Erholung und Erhebung fehlten. In der Galuth fallen Zionismus und Messianismus zusammen, insofern als die Rückkehr nach Palästina als das wunderbare, zu erbetende, nicht rational vorzubereitende Werk des Messias erwartet wird. Diese entwirklichende Verkoppelung des Zionismus mit dem Messianismus beseitigt erst die Assimilation. Nordau weiß ihr keinen Dank dafür: Sie hat beide Ideen voneinander getrennt, um durch Preisgabe des Zionismus und Verwässerung des Messianismus zum Missionismus dem jüdischen Volk einen sanften Tod in Europa zu ermöglichen. Die Assimilation hat im Grunde gar kein anderes Motiv als den Egoismus der westjüdischenlndividuen. Den Illusionismus der Galuth, der sich im Glauben an die mystische" Erlösung durch den Messias äußert, verschlimmert sie durch die Säkularisierung der Galuthi d e e n, die bei aller ihrer Mystik doch eine sehr nüchterne Lebensfunktion hatten. Sie nimmt den Juden die Selbstsicherheit des Ghettolebens und gibt ihnen das illusionäre Surrogat des Vertrauens auf die Menschlichkeit der Zivilisation. Ihre Politik ist, nicht anders als die derGaluth, auf die Augenblicksbedürfnisse eingeschränkt, aber insofern noch weniger brauchbar, als sie sich völlig über die Gesinnung der Wirts Völker täuscht, die Judenfrage durch Verschließen der Augen vor ihrausderWelt schaffen zu können glaubt. Sie ist nichts als ein „Opfer an Treue, an Würde, an geschichtlichem Bewußtsein". Dieses Opfer brachte das westliche Judentum seiner Emanzipation. Deren Voraussetzung war der Doktrinarismus der französischen Revolution, der sich die Notwendigkeit der Judenemanzipation aus einem Syllogismus ergab. Die nationalen Gegensätze pftäSten sich aber gerade infolge der franzosischen Revolution und der von ihr ausgehenden Verstärkung der zivilisatorischen Tendenzen um so schärfer aus — ganz im Gegensatz zu den gutmütigen Hoffnungen des "öeralen Judentums. Die Emanzipation ging aus einer Veränderung lediglich der außerjüdischen Welt hervor. Diese Veränderung hatte sich in der Richtung auf absolute, allen Menschen und also auch den Juden verständliche Ideen vollzogen (Humanität, entkonfessionalisierte Religiosität). Die Säkularisierung der christlichen Ideen ist für Nordau so selbstverständlich und vernunftnotwendig, wie die der jüdischen Ideen im Missionismus „töricht und anmaßend" — offenbar hat die Idee der Auserwähltheit auch in kastriertem Zustande immer noch eine wesentlich geringere Rationalität als die des Universalismus im Sinne der christlichen Aufklärung. Der Zionismus hält an der von der Assimilation vollzogenen Trennung von Zionismus und Messianismus, von nationalem, irdischem Ziel und spirituellem Mittel fest. Nur gibt er den Messianismus preis. Er geht im Gegensatz zu dem Untergangswillen der Assimilation auf den Lebenswillen der Galuth zurück. Nordau rügt die Preisgabe des Zionismus1) in der Assimilation, aber er erkennt nicht an, daß die erwähnte Trennung den Zionismus in einem tieferen Sinne vorbereitete. So muß er — wie er ja auch die assimilatorisch-emanzipatorische Entwicklung als nur von der außer jüdischen Welt bedingt ansah — den Zionismus als das Produkt der außer jüdischen Erscheinungen des Nationalismus und des Antisemitismus betrachten. Einverständnis des inneren Rechtes, der jüdischen Notwendigkeit einer vom europäischen Nationalismus und Antisemitismus beeinflußten, von diesen lernenden jüdischen Entwicklung wird daher nicht erzielt. Zweierlei haben wir hier zu beachten: Erstens sehen wir, wie der Zionismus die entjudende Tendenz der Assimilation fortsetzt und steigert, und zwar um der Bekämpfung des Illusionismus, der Entwirklichtheit der Galuth willen, welche er im Missionismus der Assimilation wiederfindet. Zweitens zeigt Nordaus Kritik an der x) „Zionismus" wird von Nordau in zwei verschiedenen Bedeutungen gebraucht, ohne daß eine Verwechslung beider möglich wäre.

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