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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 10-11 · p. 660

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 10-11
Article
Der Zionismus bei Nordau
Date
1923-01-01
Page
660 (sequence 4)
Language
German
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66o Bemerkungen: Der Zionismus bei Nordau Emanzipation das für den herrschenden Zionismus typische Zusammenbestehen zwischen naiv aufklärerischem Glauben an die Ideale von 1789 und realistischer Skepsis bezüglich ihrer tatsächlichen Bedeutung für die Judenfrage. Bei Nordau schält sich ebenso wie bei Herzl der nüchterne Gehalt des Zionismus aus der Umklammerung durch die, der Assimilation ebenso wie dem Zionismus selbstverständlichen, erhabenen Ideale der französischen Revolution heraus. Der Zionismus ist ein Kind des 19. Jahrhunderts. An Stelle der „vulkanischen" Auffassung, die die jüdische Geschichte an den großen nationalen Katastrophen orientiert, fordert Nordau die „neptunistische", weniger melodramatische, die in den sich summierenden und pollitis chen wirts chaf ti chen kleinenTatsachendieUrsachendergroßenUmwälzungen sieht. Ebenso wie die Judennot' verliert ihre Behebung den Anschein , des Wunderbaren: es handelt sich nicht mehr um das Erscheinen des Messias, sondern um „eine lange, schwere, allgemeine Anstrengung" des jüdischen Volkes. Die Theologie hat in zionistischen Dingen nichts mitzureden, der Zionismus ist rein politisch. Die allgemeinsten philosophischen Grundlagen bietet die biologisch fundierte Ethik. Nach dem Recht, diesen Standpunkt auf jüdische Fragen anzuwenden, wird nicht gefragt: hier spricht voraussetzungslose Wissenschaft! Sehen wir von der Rechtsfrage ab, so ist richtig, daß die Ersetzung der Teleologie durch den Kausalismus in der Betrachtung des Organischen zur Ersetzung des Missionismus durch die Forderung der nationalen Notwendigkeiten disponiert. Wir haben hier wieder ein Beispiel für die allgemeine Regel, daß der Wandel der Motive im deutsch-jüdischen (allgemein: westjüdischen) Geistes-Leben eine Funktion des Wandels der Motive im europäischen Geisteleben ist. Die nahe Beziehung zur Biologie kennzeichnet ebenso sehr den Zionismus Nordaus, wie die Begeisterung für die Technik denjenigen Herzls. Frech gesprochen: Herzl hat die Haltung des norddeutschen Ingenieurs: „Mit unseren technischen Errungenschaften werden wir den Kram schon kriegen*' — Nordau die des Apothekers Homais, der seine famosen naturwissenschaftlichen Kenntnisse in seiner Tätigkeit für die Hebung der Cidreherstellung, unter fortwährender Betonung seiner Tugend, der Allgemeinheit nutzbar macht. Die Assimilation hat das Vorhandensein der Judenfrage geleugnet — der Zionismus erkennt es an. Man könnte vermuten, daß diese Anerkennung in die Reihe der Bemühungen des 19. Jahrhunderts um alle die „Fragen" gehört, die sich aus der Problematisierung von selbstverständlichen Tatsachen des Lebens ergaben (Frage'der Todesstrafe, Schulfrage, religiöse Frage, sexuelle Frage usw.). Auch bei Nordau fehlt diese Nuance in der Behandlung der Judenfrage keineswegs, was bei einem Schüler Lombrosos und dem Verfasser eines Buches mit dem Titel: „Die konventionellen Lügen der Kulturmenschheit" nicht weiter verwundert. Aber er bleibt dabei nicht stehen. Er hat das zeitgemäße Mitgefühl mit den Heloten und die entsprechende Entrüstung gegen die Spartiaten. Aber es ist ihm selbstverständlich, daß man an die Stelle des Helotentums der Assimilation den spartanischen Geist des Zionismus zu setzen habe. Dies ist aber nichts anderes als die Konsequenz der Verdrängung des Teleologismus durch den männlicheren Kausalismus für die Ethik und damit für die jüdische Politik. Leo Strauß

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