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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 10-11 · p. 658

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 10-11
Article
Der Zionismus bei Nordau
Date
1923-01-01
Page
658 (sequence 2)
Language
German
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658 Bemerkungen : Der Zionismus bei. Nordau keine Spur des mündlich gewiß mehr als einmal geäußerten Tadels. Im Gegenteil! „Das Herz krampft sich mir zusammen, wenn ich ihm auf seinem neunjährigen Leidenswege folge, wie er sich, in seinem schönen Vertrauen zum Judentum wie in einem Nebel befangen, durch die Dornen und Nesseln der Wirklichkeit mit wunden Händen tastete" (Z. S. 160). Vielleicht hat Nordau diesen, für seinen Stil übrigens sehr bezeichnenden, blumen-, vielmehr unkrautreichen Satz aus poetischen Gründen geschrieben — mit denen sich auch die Abgeschmacktheit des Ausdrucks erklären ließe — oder er hat ihn aus agitatorischen Gründen geschrieben, als Appell an das für unschuldige Leiden und enttäuschten Idealismus stets empfängliche jüdische Herz — anderenfalls ist er so unbegreiflich, wie er auf alle Fälle absurd ist. Nichts anderes läßt sich von Nordaus Behauptung, Herzl sei von der Vorstellung beherrscht gewesen, „daß zwölf Millionen Adelsmenschen hinter ihm standen", sagen, oder von der anderen, unmittelbar unter dem Eindruck von Herzls Tod geäußerten: Herzls „ausgesuchte Empfindsamkeit hat ihn zum Urheber und Führer des Zionismus gemacht". Wenn Herzl heute Vielen als duldender Schwärmer in Israel erscheint — vgl. die neuerliche Apotheosierung bei Emil Cohn —, so hat Nordau daran große Schuld. Er hat, in der Haltung des Verehrers, Herzl verkleinert. Er hat, indem er die Größe Herzls sich selbst und dem jüdischen Volke in sentimentalen Kategorien verständlich machte, erheblich dazu beigetragen, die ursprünglichen Antriebe Herzls unwirksam zu machen. Dies war um so schlimmer, als der Zionismus in seiner Ideologie, und also nicht nur in dieser, von vorne herein das ihm von Herzl zugedachte Niveau verfehlte. Herzl beschränkte sich daher mit voller Absicht auf eine leichter zugängliche und unmittelbarer wirkende Argumentation — Nordau ist auf diesem weniger hohen Niveau verblieben und hat sich auf ihm — im Vergleich mit Herzl — mit nicht geringerem Geschick und Eifer, mit größerer Subtilität bewegt. „Der Zionismus ist, wie jede geschichtliche Bewegung, aus einem stark empfundenen und klar erkannten Bedürfnis hervorgegangen, aus dem Bedürfnis nach einem normalen Dasein unter natürlichen Bedingungen." (Z. S. 178.) Der Zionismus ist für Nordau ein Produkt des neu gewonnenenWirklichkeitssinnes, der den vorausliegenden Epochen derGaluth und der Assimilation fehlte. In der Galuth lebte das jüdische Volk als „Luftvolk" —■ es fehlt ihm im wörtlichen und im bildlichen Sinne der Boden unter den Füßen, es hängt von allen Zufälligkeiten des Verhaltens der übrigen Völker ab. Das Leben in diesem Zustand ist getragen von einem starken Daseinswillen. Alle Ideen und alle Formen des Judentums stehen unbewußt im Dienste der Erhaltung des nationalen Daseins und der Steigerung des Daseinswillens. Die Idee der Auserwähltheit und die des Messias halten den Glauben an die Möglichkeit und Notwendigkeit des Durchhaltens, den Glauben an die nationale Zukunft in allen Situationen aufrecht —■ sie verhindern andererseits, daß dieser Glaube zur Aktion führt, indem sie auf durchaus Wunderbares, menschlicher Anstrengung Unerreichbares abzielen. Alle jüdischen Bräuche und Gewohnheiten dienen dem Zweck der Absonderung von den Völkern, stehen also im Dienste der Erhaltung des nationalen Daseins; sie verhindern andererseits, indem sie von den Bedingungen normalen völkischen Lebens fernhalten, eben dieses normale Leben. Die gleiche Wirkung hat das Fehlen eines politischen Zentrums: Das jüdische Volk ist an keinem Punkte vernichtbar— und andererseits ist darum jedes umfassende politische Handeln unmöglich. Dieses ist also das Wesen der Galuth: sie verschafft dem jüdischen Volke einMaximum anDaseinsmöglichkeit durch ein Minimum an Normalität. Auf die Dauer mußte das Fehlen der natürlichen Daseinsbedingungen unser Volk ruinieren — die Verfolgungen konnten nur deshalb so furchtbar wirken, weil dem Volke die natürlichen Daseinsbedingungen und damit die Mög-

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