Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Der Zionismus bei Nordau
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 657 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen : Der Zionismus bei Nordau 657 DER ZIONISMUS BEI NORDAU Der politische Zionismus ist der Ansicht, daß die Judennot nur durch die Aufrichtung eines jüdischen Staates, durch die Konsolidierung der Macht jüdischer Individuen zur jüdischen Volksmacht zu beheben sei. Herzl bediente sich um dieses Zieles willen des Mittels, die Macht der Geldjuden, an sich durchaus keine jüdische Macht, gegenüber den politischen Mächten — und andererseits die politische Legitimation seines Vorhabens durch die über politische Bedeutung allein entscheidenden Großmächte gegenüber den Juden auszuspielen. Über keinen der beiden Faktoren verfügte er wirklich; aber indem er sie gegeneinander ausspielte, verfestigte sich die politisch amorphe Macht jüdischer Individuen zum politischen Wollen, zur politischen Bedeutung des jüdischen Volkes. Dieses Ziel durchaus billigend, verwirft Nordau das Mittel Herzls als „hinterhältig". Er will die Macht, er verwirft aber die Intrigue als Mittel zur Erreichung der Macht. Er will die Macht, er verlangt aber das Zugeständnis, daß wir zur Zeit über keine Macht verfügen. So vollzieht er den Übergang vom politischen zum geistigen Zionismus, der die Machtlosigkeit, die Machtwidrigkeit des jüdischen Volkes zum Grundsatz erhebt. Das Motiv zu diesem Abfall von Herzl ist bereits ein geistiges: die „Ehrlichkeit". Wir wissen, daßHerzls Zionismus selber wesentlich durch die Antriebe der Anständigkeit und der Loyalität bestimmt war. Aber Herzl wußte 1 zu gut, daß es jn <jer p0ütik keinen unzweideutigen Sinn hat, von Wahrheit oder Unwahrheit zu reden. Die Politik hat Wirklichkeiten zu schaffen, und unter Umständen ist es das wirksamste, Wirklichkeiten am ehesten schaffende Mittel, die Voraussetzungen, vor allem diejenigen moralischer Natur, die sich erst durch große, von dem trägen Haufen uagern geleistete Anstrengungen herstellen, x) Dargestellt auf Grund der „Zionistischen Schriften", die 1923 in zweiter, vermehrter Auflage im Jüdischen Verlag erschienen sind. (Grundpreis gebunden 6 Mark.) Heft 10/11 als bereits erfüllt auszugeben, und so die Anstrengungen hervorzurufen. Was heute Unwahrheit ist, wird vielleicht gerade dadurch, daß man es heute alsWahrheit ausgibt, morgen tatsächlich zurWahrheit. Die Himmelbläue des zionistischen Optimismus war bei Herzl zum guten Teil durch agitatorische Rücksichten bedingt. Nordau hat das Märchen von dem schwärmerisch seinem Volke vertrauenden Herzl, an das er selber nicht glaubte, in die Welt gesetzt, um auf diese Weise recht drastisch den Verrat des jüdischen Volkes an seinem Führer dartun zu können: also aus politischen Gründen. Von Nordaus Urteil über Herzl, in einer nicht durch den Zweck der Agitation gebrochenenForm, erfahren wir einiges aus Herzls Berichten in den Tagebüchern. „Nordau findet mich unaufrichtig und hinterhältig in meinem Verkehr mit Fürsten und jüdischem Volk. Ich glaube, er wird noch einmal diesen seinen Tadel in die Öffentlichkeit tragen und sich, mich und uns alle damit blamieren" (III 63). Die Tagebücher lehren, daß diese „Hinterhältigkeit" das Wesen der Herzischen Politik ausmacht. Nordau erkennt diesen Zug, er verurteilt ihn und verlangt eine Politik des Vertrauens. So etwa statt der negotiorum gestio des Diktators Herzl die demokratische Beauftragung und Kontrollierung des Führers (Tgbb. II 251 f.). Er verlangt diese Politik nicht bloß, er betätigt sie zum Schaden des Zionismus und zum großen Ärger Herzls. Anläßlich einer Rede Nordaus bemerkt Herzl*): „Er machte dem Sozialismus ganz unberechtigte Avancen, gab alle unsere Schwächen preis, erzählte von unserer Hilflosigkeit usw." (Tgbb. II 258). Die Sympathie mit dem Sozialismus und die Abneigung gegen die Geheimdiplomatie haben die gleiche Wurzel und liegen in der Richtung auf Auflösung der großen Linie Herzischer Politik, die eine durchaus „staatserhaltende", konservative Tendenz hat. In den Äußerungen Nordaus über Herzl in den „Zionistischen Schriften" findet sich x) Als Belege für die Richtigkeit des Herzischen Urteils seien vor allem Nordaus 8. Kongreßrede (Z. S. 174—187) und sein Vortrag in Amsterdam (Z. S. 288—311) angeführt. 42