Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Der Morgen meines Lebens
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 653 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Morgen meines Lebens 653 ein alter hohler Gerberbaum, mit einem Bienenstock drin . . . Das Nachbarhaus, vor dem viele Fässer mit Pech stehen; zwei, drei Gefährten. Nun der Cheder. Ein dummer und schmutziger Kinderlehrer mit schwarzen, brennenden Augen; sein Weib treibt Handel: tags geht sie mit Körben ▼oll Eier und Hühner hausieren, nachts schleißt sie Federn und spinnt Flachs . . . Flüche, Schläge, Häßlichkeit, Schmutz und Ekel. Und im Hause meines Vaters Armut und Kümmerlichkeit... In den Stunden, die uns vom Cheder frei bleiben, streifen meine Kameraden und ich im Wald herum, pflücken Beeren, Pilze und Blumen, suchen Nester und junge Vögel auf den Bäumen und Schlangen, Maulwürfe und Igel in Gräben und Löchern, die mit Sträuchern und Dornen, Kräutern aller Art überwachsen sind; oder angeln im Titirow nach Weißfischen; oder gehen ins nahe Dorf zu einem unserer Kameraden und trinken dort warme Milch frisch weg vom Euter der Kuh beim Schein der untergehenden Sonne; oder wälzen uns auf den Misthaufen oder dem Sand am Ufer des Flusses . . . Dann kam ich zu dem „Lehrer mit gemischten Klassen", einem wohlgestalteten, angenehmen Menschen von edler Seele und reinem Sinn, dessen Lieblingsbeschäftigung es war, „Misrachs" u. dergl. zu malen. Sein einziger Sohn konnte auch Menschen, Tiere und Vögel malen. Wir lernen jetzt Chumesch mit Raschi, Thillim, Gesänge — „die Schechina ruht'* auf unserer kleinen, fröhlichen Schar. An den Sommersabbathen gehen ich und meine Freude aufs andere Ufer, und dort auf der großen grünen Wiese beteiligen wir, uns noch besten Kräften an den Kämpfen der großen Burschen der zwei Vorstädte, unserer und der gegenüberliegenden. Manchmal sind wir' vom Kriegsschauplatz mit einem richtigen verbeulten Auge oder ausgeschlagenen Zahn zurückgekommen. Da erkrankte mein Vater, der von Natur aus gesund und stark war wie eine Eiche, an einem langwierigen Leiden. Die Armut wurde immer größer; und eines Nachts erwachte ich von dem Schreien meiner Mutter — der Vater war gestorben. Klage, Begräbnis, Trauer — und Armut, Armut. Die Mutter setzte alles daran, um ihre drei Waisen von ihrer Hände Arbeit zu ernähren; aber es ging über ihre Kraft, und so brachte sie mich zu meinem Großvater, der damals schon verwitwet war. Er wohnte am entgegengesetzten Ende der Stadt, ebenfalls in einer Vorstadt; er war gegen dreiundsiebzig Jahre alt, und ich sieben bis acht! Im Hause lebte niemand außer mir, den Großvater und einer alten Magd . . . Sehnsucht, Sehnsucht und Schmerz in meinem kleinen Herzen, ein stummer Schmerz, der sich selbst keinen Raum wußte. Und einmal, nach einer Nacht voll furchtbaren Heimwehs, geheimer Angst und verhaltenem Weinen — stand ich mit Sonnenaufgang auf und lief davon. Ich floh zu meiner Mutter. Nahm das kleine Kleiderbündel auf die Schulter und ging fort. Wie ein tapferer Held kam ich mir vor. Gewiß würden sie mich verfolgen! . . . Die Krämer kommen zum Vorschein, die Läden werden