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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 10-11 · p. 652

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 10-11
Article
Der Morgen meines Lebens
Date
1923-01-01
Page
652 (sequence 2)
Language
German
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652 Chaim Nachman Bialik: in der Hand. Die Sonne ging gerade unter und goß Blut über die grüne Wiese mit ihren gelben, blauen, weißen, violetten Blumen. Während ich so lief, bezauberte mich die Erscheinung dieses herrlichen Sonnenuntergangs und zog mich zu sich hin. Ich lief immer weiter, am Laufen selbst schon Lust findend, immer weiter, bis dorthin, wo die große Sonne ihr Gesicht in die Erde drückte. Die Mädchen waren mir schon längst entkommen und nach Hause zurückgekehrt; ich aber lief immer noch weiter, erstaunt und bestürzt und ohne zu wissen, warum. Schließlich brachte mich eine Bäuerin nach Hause zurück, weinend und voller Verwirrung. — In jenem Walde gab es Wölfe und andere gefährliche Tiere. Einmal, am Sabbath, an einem Sommermorgen, als das dörfliche Minjan zum Gebet versammelt war, gab es großen Lärm: Wölfe, Wölfe! Sogleich liefen alle Juden, noch in den Tallith gehüllt, heraus, stiegen aufs Dach oder auf die Zäune und schrien: „Hu, Hu", bis sie sie verjagt hatten. Und einmal sah ich — ich weiß nicht, ob im Traum oder wachend — beim Mondschein in einer Sommernacht Scharen von kleinen Zwergen in süßer Ausgelassenheit von dem grünen Hügel, auf dem das Haus meines Onkels stand, herunter kommen und sich unter Lachen in dem nahen Wald zerstreuen. Am nächsten Tag lief ich die ganze Zeit im Walde herum, um die schönen kleinen Zwerge aufzusuchen und mit ihnen zu spielen. Und es war eines Tages— und jedes „und es war" bedeutet ein Leid—, da kam mein Vater vom „Markt" zurück und brachte ein rotes, mit schwarzen Buchstaben bemaltes Blatt mit: das Alphabet für Kinder. Tags darauf saß ich beim „Behelfer" des Dorfes, einem häßlichen Burschen, an einem langen Tisch vor jenem bemalten Blatt; er nahm meinen kleinen Hals zwischen zwei Finger, zeigte mir mit dem „Teitel" die Figur eines „Tragjoches mit zwei Eimern", würgte mich und schrie: „Mamser, sag: das ist ein Aleph". — Ich war höchst bestürzt über den mich würgenden Burschen und über das Aleph, und entlief weinend nach Hause. Meine alte Amme, eine dürre, zahnlose Goite, nahm meinen Kopf zwischen ihre Knie, begann mein Haar zu streicheln, und verfluchte dabei den scheußlichen „Lehrer" mit ungeheuerlichen Flüchen. Möge sie so beruhigt leben, wie sie mich damals beruhigt hat! Ein Frühlingstag — und ich sitze mit der ganzen Familie auf einem Wagen, inmitten von Möbeln, Kleidern, Betten und Kissen, eine rote Kuh ist hinten am Wagen angekoppelt — und so fahren wir durch Felder und .Wälder, die sich unendlich weit hinziehen. — Nun lichtet sich der Wald. Magere, junge Birken; niedrige Eichen breiten ihre Zweige über, die Erde. Scharfer Harzgeruch,* die saftige Frische des Frühlingbeginns. Die Kuh dreht ihren Kopf nach rückwärts, dem Dorfe zu, und brüllt vor Sehnsucht. Wohin, Mutter? In die Stadt, Liebling, dort wohnt Großvater. Wir wohnten aber nicht in der Stadt drinnen, sondern am Eingang. Unser neues Haus stand in einem Vorort, entfernt von der Stadt, ganz nahe am Walde. Wieder Getreidefelder, dichtbelaubte Bäume, Vögel und Nester,

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