Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Die Rechabiter
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 650 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3101111-3101189-3101199-3108576--6527-3108687- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
6so Eugen Hoeflich: Die Rechabiter drückten. Wenn wir aber in dem Bilde jener Zeiten zu lesen verstehen, tut sich uns eine Epoche eines unterirdischen, im Jüdischen tiefverwurzelten Lebens auf, wie wir es, derart tatkräftig, kaum ein zweitesmal in der ganzen jüdischen Geschichte wiederfinden. Die Verwirklichung des göttlichen Wortes durch die Tat wird hier nicht allein Programm einer Gemeinschaft, sondern wirkliches Faktum, Getanes, Tat und Gesetz. Religiosität und Religion finden wir hier vereint: ungeheures Licht umstrahlt das Leben dieser „Sekte". Unerhörtes ist geschehen, wie es sonst nimmer geschah. Generation auf Generation diente freudig einem Versuch, der sich durch Jahrhunderte hinzog und dem Judentum späterer Zeiten leuchtende Bahn weisen konnte, — wenn es die Männer gegeben hätte, sie zu beschreiten. Tiefer als in Erz, in die Herzen mußte das Wirken dieser Ekstatiker eingegraben werden, denen das tägliche Leben zur Ekstase, das tägliche Leben selbst, zu jeder Stunde, Verwirklichung des Judentums wurde. Wir wissen nicht, wieviel sie beigetragen haben zur Erhaltung des Judentums in den Zeiten seiner großen Gefahren. Kein Denkmal, das davon spricht, ist auf uns gekommen. Aber wir können ahnen, daß oft und oft in den Tagen großer Depression die rechabitischen Reiter es waren, an denen Verzagte ihren Mut aufrichteten, und daß vielleicht diese einfachen Schafhirten oft und oft durch ihr beispielgebendes Leben nicht nur Zaghafte mitrissen, sondern auch Schlimmes verhüteten. Sie waren Sozialisten, sie waren Revolutionäre; mag man sie wie immer klassifizieren — sie waren Juden im wahrsten Sinne des Wortes und im wahrsten Begreifen des Judentums ihrer Zeit. Eine Frage ist noch zu beantworten: Warum beschäftigte sich die jüdische Geschichtsforschung der späteren Jahrhunderte bis auf unsere Zeit so wenig mit diesem Phänomen? Ich möchte darauf antworten: Zu ferne mußte das Wesen einer Gemeinschaft mit nomadischem Ideal, die überdies stets in einem gewissen Gegensatz zu den priesterlichen Historiographen des alten Judentums stand, jenem Judentum sein, das in den Ghetti Emopas, bewegungslos verharrend — nur an einer verhältnismäßig jungen Tradition webend — die alten Traditionen der voreuropäischen Zeit absterben lassen mußte. Schon weil sie ihnen von Jahrhundert zu Jahrhundert unfaßbarer werden mußten, immer unvereinbarer mit ihrer Zeit, immer unerklärlicher und aus dem Sittenbilde der Zeit, die sie umgab, und aus der Paränese des Judentums, wie sie, sie erfaßten, unerklärlicher. So konnte jede Tendenz, die das Judentum reinigen wollte — bis zu den sehr geringen Purifizierungsbestrebungen im politischen Zionismus dieser Tage — ihr Ideal nur in einem an die europäische Umgebung angepaßten Judentum sehen, in einem desorientalisierten Judentum. Der Wunsch, das Judentum nach einer Richtung zu orientieren — selten eingestanden, immer aber vorhanden —, die der Bewegungsrichtung der europäischen Umwelt am wenigsten widersprach, dieser Wunsch konnte keinesfalls nach einem orientalisch-ekstatischen Ideal greifen, mit dem der aller Freiheit, aller phantastischen, außerhalb okzidentakr Empirie schweifenden Sehnsucht bare Jude