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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 10-11 · p. 651

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 10-11
Article
Die Rechabiter
Date
1923-01-01
Page
651 (sequence 15)
Language
German
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Chaim Nachman Bialik: Der Morgen meines Lebens 651 nichts anzufangen wußte. Ihm mußte die Geschichte dieser ganz uneuropäischen Rechabitern unwesentlich werden, ihm mußte sie absterben. Ein anderes sei noch als hypothetischer Grund angeführt: Was konnte ein Geschichtsempfinden, das immer individualistisch-heroischer (eine Assimilationserscheinung an Europa) wurde, mit einer Gemeinschaft anfangen, die nur einen Namen, eben den des Bundes,- nicht aber den einzelner Vertreter — Stützpunkte der Geschichtsschreibung, wie der Legendenbildung — überlieferte? Waren doch die Führer dieses Stammes nicht als individuelle Führerpersönlichkeiten außerhalb des Stammes gestellt — ausgenommen natürlich der Gründer des Ordens — die Heldentaten vollbrachten, sondern allein Führer kraft des Charisma. So konnte dieser allem Individualismus ferne Orden der Geschichte keine Führerpersönlichkeiten, also keine Stützpunkte, vererben, selbst wenn er überragende Männer gehabt haben sollte, denn sie waren ihm nichts als Träger des Charisma, Glieder eines solidarischen Ganzen, das selbst gegen die Nachwelt und gegen die Geschichtsschreibung solidarisch ist1). Eine künftige unvoreingenommene Geschichtsschreibung wird den Rechabiten den ihnen gebührenden Platz einräumen müssen und von ihnen sprechen als von den kraftvollsten und konsequentesten Reinigern des Judentums. CHAIM NACHMAN BIALIK / DER MORGEN MEINES LEBENS2* (Erinnerungssplitter) In Radi, einem Dorf in der Nahe von Zytomir bin ich geboren und habe dort etwa bis zu meinem fünften Jahr gelebt. Schönheit, Natur, Wald hinter dem Hause, Felder. Im Hof und im Stall viele Kühe, Kälber, Füllen usw. An jedem Freitag Nachmittag kam mein Vater von einem der Wälder, die seine Erwerbsquelle bildeten, nach Hause, nahm ein Beil und schlug die Schlangen tot, die zahlreich um unser kleines Haus herum nisteten. Die toten Schlangen blieben offen liegen, und ich war sehr stolz auf sie; ich schreckte mit ihnen meine Gefährtinnen, die kleinen Mädchen. Einmal lief ich zwei kleinen Mädchen querfeldein nach mit einer zappelnden Schlange l) So sei auch die Ansicht gestattet, daß die paar Legenden, die den Namen der Bnej ^echab tragen, sich vielleicht ursprünglich um die verlorenen Stämme rankten, und nur dem Einfalle irgendeines Überlieferers folgend den Namen der Rechabiter annahmen. ) Das hebräische Original dieser unvollendet gebliebenen Skizzen, die Bialik vor Jahren geschrieben hat, wurde zuerst in „Haolam" veröffentlicht. Bialiks Dichtung und Wesen SJr'aUfS stärkste von seiner Jugend, ja seiner Kindheit bestimmt. So vermögen diese okizzen ebensowohl eine erste Einführung, als einen tiefen Einblick in des Dichters Welt zu geben. F. G.

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