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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 10-11 · p. 647

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 10-11
Article
Die Rechabiter
Date
1923-01-01
Page
647 (sequence 11)
Language
German
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Die Rechabiter 647 nicht der Ewige unter uns? nicht wird Unglück über uns kommen." Die alle Lasten des Staates tragende Bevölkerungsschicht, die Bauern, waren zu Arbeitstieren her abgedrückt worden. Durch die Einführung der neuen Kriegstechnik des Wagenkampfes war das alte israelitische Bauernheer nicht mehr Zentrum der Armee, so daß diesen Bauern ,,die Umwandlung des Staates..... in ein ägyptisches Diensthaus im Zusammenhang mit dem Wagenkampf und der Weltpolitik zur Quelle des Übels" *) werden mußte. Aber nicht nur die sozialen Gegensätze wuchsen ins Ungemessene, auch der Zwiespalt, der sich zwischen dem religiösen Gefühl des Volkes und der Religion der Herrschenden aufgetan hatte, erweiterte sich zusehends. Zäh und verbissen hielt das Volk am alten jüdischen Bundesgott fest, während der von der tyrischen Isebel eifrig geförderte Ba'alkult die religiöse Mode der oberen Klassen regierte. Zwei Klassen standen einander also in dieser Zeit der Omriden gegenüber: die machtlose Bauernmasse und der aller Menschlichkeit, allen Judentums bare Adel. Stumm und geduldig wartete das Volk auf ein Zeichen, auf ein Wunder. Die Luft war zum Bersten geladen. In den Bazaren trieben sich rasende Nebiim umher, Derwische, die, von tiefem Haß gegen die Ba'alpriester und ihrem Anhang beseelt, den revolutionären Gedanken schürten. Elijahu, der Gewaltige an der Spitze seiner Prophetengruppe, zieht durch das Land, dann und wann mögen wie Warnungszeichen Vorposten der Rechabiter aufgetaucht sein — das Volk aber ist machtlos, waffenlos, halb verhungert, nicht mehr kriegsgeübt, und der König besitzt die Kriegswagen, die damals vielleicht eine ähnlich dominierende Stellung in den Bürgerkriegen eingenommen haben werden wie in der Gegenwart der Tank. Da bricht der tolle Reitergeneral Jehu benNimsi los. Er, ein alter Soldat, der strategischen Überlegung gewohnt, macht die Sache des Volkes zu seiner eigenen, oder besser: seine Sache zur Sache des Volkes, und findet bald Zulauf. Die rasenden Nebiim stoßen zu ihm. Er wirbt um Jehonadab und gewinnt ihn. Dem Kreis um Elijahu sicherlich nahestehend, warten diese Wüstensöhne, deren nomadischer Freiheitsdrang sich aufbäumte gegen den Prunk und Aufwand der gottlosen Herrscherklasse, der ja nur aus der Unterdrückung des Volkes nach ägyptischem Muster gewonnen werden konnte, ungeduldig auf das Zeichen, loszubrechen. Jehu gibt das Signal, und bald bildet der Stamm der Rechabiter das Zentrum der Revolutionsarmee, die die Dynastie der Omriden aus Jisrael ausrottet. Für Gott und Jisrael! mag der Kampfruf dieser Puritaner, die keine Konzessionen kannten, gelautet haben, und wenn sie auch unter Jehu, dem nicht ganz einwandfreien Freiheitskämpfer stritten, kämpften sie doch für die Sache des Volkes, für die Reinigung des alten Bundes vom Einfluß der Fremden. Wir müssen uns vorstellen, daß diese Wüstenreiter keineswegs zart mit dem Gegner umgingen. Auge um Auge war das alte Motto; heiliges Feuer mag alle Einrichtungen der neuen Kultur zerstört haben. Ihnen mußte ja das Verständnis für jedwede Kulturverfeinex) Max Weber, Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Tübingen 1920.

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