Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Die Rechabiter
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 645 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3101111-3101189-3101199-3108576--6522-3108682- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die Rechabiter 645 Bedingung! Aus dieser unendlich kraftvollen Lebenseinstellung, die eben nur oberflächlicher Betrachtung als reaktionär erscheinen mag, entspringt der Wille, alles Neue, alles, was mit der alten Bundesreligion der Wüste nichts zu tun hat, abzulehnen, ja gegebenenfalls sogar mit dem Schwerte in der Hand dagegen aufzutreten. Aus dieser Einstellung nun ist auch ihre antimonarchistische Haltung erklärlich, ebenso erklärlich ihre Abneigung gegen die Priesterkaste. Wohl stand ihnen das Ritual, als integrierender Bestandteil der Religion, hoch, aber ihnen ist das ganze Volk ein heiliges Volk, das keiner Mittler bedarf; jeder Einzelne ist Priester: so werden sie in späterer Zeit wohl auch Gegner des Opferdienstes geworden sein. Was ihre Stellung zu den sozialen Fragen ihrer Zeit betrifft, können wir mit großer Sicherheit behaupten, daß die Rechabim nicht nur, wie jeder Wüstenstamm, einen bis ins letzte gehenden Solidarismus übten, sondern auch Anhänger des sozialen Ideals der Bibel waren. Kommunistisch organisiert, wie sie waren, erstreben sie eine kommunistische Verfassung für das ganze Volk. Im Laufe der Zeit wandelte sich wohl ihr auf ewigen Krieg, auf Angriff und Abwehr gestelltes Leben unter dem Einfluß der zunehmenden Vereinsamung in der Mitte eines nach Frieden sich sehnenden Volkes, sodaß allmählich ein Zustand ewigen Friedens das Ziel dieser idealistisch-sozialistischen1) Organisation im Judentum geworden sein dürfte. Wir dürfen dies natürlich nicht so verstehen, als hätten sie die Waffen zerbrochen, um als pazifistische Schwärmer durch das Land zu ziehen. Sie mußten die Waffen auch weiterhin gebrauchen, um ihr Leben zu schützen, das den täglichen Gefahren der Wüste ausgesetzt war. Der Krieg aber war ihnen nicht mehr Idealzustand, und der Kampf war ihnen nur dann erwünscht, wenn es galt, ihr Ideal — die Reinigung des Judentums — durchzusetzen. In den Zeiten nun, da die Erbitterung auf das höchste gestiegen, in den Zeiten des großen Verfalles also, da die Luft zum Bersten angefüllt war mit unterdrückten Rufen gegen die Herrschenden, da tauchten am Saume der Wüste die grobgekleideten Reiter auf, bereit, die Führung zu übernehmen und ihr Leben für den alten Gott und seine Gebote hinzugeben. Dann mag wieder der alte Kampfgeist der Wüste, der einst selbst die Heerscharen der Lüfte zur Parteinahme zwang, aufgeflammt sein, die alten Kampfrufe der Wüstenkrieger und des alten Bauernheeres mögen die Luft zerrissen haben, und kämpf trunken mögen die rechabitischen Gotteskämpfer mit dem Rufe „Gott!" — wie später die ihnen so ähnlichen Puritaner des Islam mit dem Rufe, „Allah"!2) — in die Gebiete *) Die christliche Dogmatik (Lange, Angewandte Dogmatik, Heidelberg 1852) führt das Rechabiter (Essener) tum unter „Philonisch-essenische Ideal- und Ordensheiligkeit" in einer Rubrik mit der „Derwisch-Ekstasenheiligkeit'* als „Verkümmerung", als dogmatischen Religionsfehler vom Standpunkte des Christentums an. (Interessant ist, daß hier in derselben Rubrik, in der Klasse „antichristliche Potenz" der Sozialismus als dogmatischer Religionsfehler angeführt wird.) 2) Es erscheint mir in diesem Zusammenhange nicht unwichtig, auf eine Erscheinung von außerordentlich starker Ähnlichkeit und Parallelität im Islam dieser Tage hinzuweisen: auf die wahabitische Bewegung. Die Wahabi oder, wie sie sich neuestens nennen, Achwan