Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Die Rechabiter
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 644 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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644 Eugen Hoeflich: nahen *). Wahrscheinlich galten auch für sie viele der Ordensregeln ihrer Nachkommen, der Essener, sonderlich was die Vorschriften über Waschungen betrifft, doch lebten sie nicht wie jene im ganzen Lande verstreut. Hingegen wurde wohl auch bei ihnen sicherlich der Zutritt zum Bunde durch langwieriges Noviziat oder durch andere Vorkehrungen erschwert, Ihr Ideal war das in der Vergangenheit verklärte Leben des alten gottnahen einfachen Beduinenstammes, das beduinische, nomadische Ideal, und ihre Religion die alte reine Wüstenreligion, die alte Bundesreligion, die zu predigen und zu leben sie nicht müde wurden, solange sie bestanden. Aus dieser Einstellung heraus ist es selbstverständlich, daß sie eine stark antistaatliche, anarchistische Tendenz vertraten^dem Staate wohl kaum Abgaben leisteten, mit einem Worte: gegen die Existenz eines israelitischen Staatengebildes protestierten, das ihnen als eine Beleidigung des alten Wüstengottes erschien, der ein Gott des ziehenden Stammes, nicht ein Gott des Staates war, als eine Verfälschung des wahren Judentums, das nicht staatsbildend war, solange es reine Wüstenreligion blieb. Sie blieben daher Beduinen, solange ihre Organisation bestand; selbst wenn sie dann und wann auf kurze Zeit in die Mauer einer Stadt kamen, taten sie es nie unter Preisgabe ihres nomadischen Ideals, sondern nur der augenblicklichen Kriegslage Rechnung tragend. Ihre Anhänglichkeit an das Judentum war eine außerordentlich große, ja wir können wohl mit Recht sagen, daß kein Zweig des Volkes je derart unbedingt und ohne Wanken zur angestammten Religion hielt wie dieser Stamm, dessen Sinn und Aufgabe es war, das Judentum aus den Übeln der Zeit, aus allen Verfälschungen und Verflachungen zu seinen Urquellen zurückzuführen. Ihr Ideal lag in einer vergangenen, gottnahen Zeit, die ihnen unsäglich schön schien. Sie wieder zu leben, sahen sie als ihre Aufgabe an; diese Vergangenheit, die ihnen Kraftquelle von höchster Ergiebigkeit war, immer von neuem zu -verklären, war Ziel ihres Lebens. Nur wer zu ihr zurückkehrt, wird des Reiches Gottes, der unermeßlichen Freiheit zu den Füßen der Göttlichkeit teilhaftig, nur er nimmt Teil an der Erlösung Jisraels. Rein, einfach und schuldlos ist ihnen der gottnahe Wanderer der großen Einsamkeit, näher dem Herzen Gottes als die feste Stadt, näher als das beackerte Land, näher selbst als der goldstrotzende Tempel. So müssen die Rechabim im Lichte jener oberflächlichen Geschichtsbetrachtung, welche die liberale Politik der Geschichtsforschung unserer Zeit als Erbe hinterlassen hat, als reaktionär im wahrsten Sinne dieses üblen Wortes erscheinen. War doch das Ziel, das ihnen stets und unwandelbar vorschwebte, eine stete blickbannende Feuersäule im politisch-religiösem Chaos um sie, der Gedanke: zurück zu den Vätern, zurück unter jeder x) Diese letzte Behauptung finde ich zwar nirgends belegt, doch ist sie anzunehmen, da der Nasiräer, wie jeder Gott und seinem Dienste Geweihte (Kohen), sich nicht verunreinigen durfte. Übrigens sagt auch Fleury, „Die Sitten der Israeliten", Hannover 1709: ...... alle im Gesetz angemerkte Unreinlichkeiten mit großer Sorgfalt zu vermeiden, insonderheit sich keinem Toten zu nahen."