Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Die Rechabiter
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 642 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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642 Eugen Hoeflich: Zeit schon gewaltig gewesen sein muß. Dem Jehu mußte es darum gehen, seine Revolution so populär wie möglich zu machen, also war es wichtig für ihn, den seiner ganzen geistigen Anlage nach revolutionären Orden für seine Sache zu gewinnen. Der Versuch gelang, und die Revolution hatte zwei Führer, die wohl einem Ziele zustrebten, aber aus durchaus verschiedenen Gründen zur Waffe gegriffen hatten. Jehu, der Reiterführer, der Offizier, war ein Condottiere, den es nach der Königskrone gelüstete, ein Abenteurer, wie ihn unruhige Zeiten des Niederganges oder des Aufstieges hervorbringen. Nicht die soziale Not, nicht das beleidigte religiöse Gefühl hatte ihn auf den Plan gerufen, wenn er auch soziale Not und das durch den König und seinen Kreis beleidigte religiöse Gefühl des Volkes zum Anlaß nahm, sondern das Machtstreben des politisierenden Offiziers, der seine Zeit gekommen sieht. Jehonadab wieder, ein Asket vielleicht, allenfalls ein Ekstatiker, der, ein naiver Mann der Wüste, nur die grobsinnlich wahrnehmbaren Effekte der Politik versteht, findet in ihm einen Bundesgenossen, um den verhaßten König, der durch Fremdgötterei den Namen Gottes schändet, zu beseitigen. Ihm war Machtstreben fremd. „Alle Macht bei Gott!" war sein Zielruf, mit dem seine Leute in den Kampf gingen; Puritaner des Judentums, war es ihm und seinen Stammesangehörigen ausschließlich um die Reinigung der Religion zu tun. Betrachten wir nun das Wesen dieses Ordens, der aus dem geschichtslosen Halbdunkel eines Wüstenstammes plötzlich mit revolutionärem Ruf in das feste Gefüge des Staates eingreift, sowie die religiösen und sozialen Verhältnisse der Zeit, die das Eingreifen der Puritaner notwendig und möglich machten. Schon in den ältesten Zeiten gab es in Jisrael Männer, die ihre Kraft und ihr Leben dem Kampfe für Gott weihten, die unter einem gewissen Ritual (4. Mos. 6, 2—13) sich Gott angelobten. Diese Gotteskämpfer, Nasiräer trugen eine eigene Kleidung sowie lange, nie beschnittene Haare, und scheinen Ekstatiker gewesen zu sein, die entweder auf eigene Faust, als Bandenführer oder an der Spitze des Bauernheerbannes in den Krieg zogen, das Heer durch ihre Hingerissenheit mit sich reißend. Der Bund der Rechabim nun ist die erste historisch feststellbare Organisation solcher Nasiräer. Sie stammen, ethnographisch betrachtet, wie oben festgestellt vom Stamme der Qeni ab, ihre geistigen Grundlagen schuf Jehonadab, Sohn Rechabs, anscheinend ein Mann von überragender geistiger und sittlicher Größe. Über die Verfassung des Ordens ist nicht viel bekannt, doch läßt er sich aus den wenigen Hinweisen auf diese als eine der interessantesten und (neben dem Chassidismus) elementarsten und sittlich höchststehenden Gemeinschaften des Judentums erschließen. Der Orden war eine festgefügte Organisation, fester gefügt als sonst ein beduinischer Stammesverband, der ja stets Zersplitterungstendenzen unterliegt (wie wir es oben bei den Qenitern und noch heute bei allen Stämmen der arabischen Wüste beobachten) und die Möglichkeiten neuer Stammesgründungen aufweist. Hier haben wir es nicht nur mit einem ethnologisch