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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 10-11 · p. 638

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 10-11
Article
Die Rechabiter
Date
1923-01-01
Page
638 (sequence 2)
Language
German
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638 Eugen Hoeflieh: ihrer Außenseiter, plastisch die Bilder dumpfen Dahindämmerns einer Masse heraus, die ihr Leben in steter Furcht vor grauenhaften Dämonen hinlebt. So sehen wir dann den Mann Moscheh, den Freund Gottes, der wie keiner vor ihm und wie keiner nach ihm die Geschichte ihren Trägern von den Achseln nimmt und — ein Fels gegen den Strom — sie in Bahnen lenkt, die zu Sternen' führen, welche er, nur er, der Outsider, kennt und weiß. Nach ihm die Richter, soweit sie Ekstatiker waren, die im Kampfe gegen den äußeren Feind und gegen den inneren, die Mißstände ihrer Zeit und ihres Volkes bekämpfen und sie außerordentlich scharf aufgezeichnet der Nachwelt hinterlassen. Nach ihnen die Propheten, die großen Eingeweihten, die ihr Leben in Abwehrstellung lebten, jenseits von Optimismus, aber auch jenseits von Pessimismus, die in der Geschichte zu den ungeheuren Bränden werden, aus deren Flammenschein alle verborgenen negativen Seiten ihrer Zeiten plastisch, scharf und eindeutig umrissen in unser Erkennen treten. Sie alle von den Urvätern bis zu den Propheten umschlingt das Band größter Liebe, sie alle, die nicht allein in unserer Empfindung außerhalb ihrer Zeitgenossen standen, die, in Wahrheit ihre Gegenspieler, gegen sie ständen, einsam und doch innig verbunden mit diesem Volke, undenkbar ohne dieses Volk: aus ihrem Bild erkennen wir das negative Bild ihrer Zeit. Aber nicht allein die ganz Großen, deren Namen und deren Taten auf uns gekommen sind, auch die vielen Ekstatiker, deren Namen die Zeit verweht hat, sind Zeugen einer Vergangenheit, die auf ihren Schultern, auf den Schultern der Namenlosen lag. Und nicht geringer ist ihr Anteil an der Erhaltung des Judentums als derjenige der Großen, die wir mit Ehrfurcht zu nennen wissen. Alle die Gotteskämpfer, die ihrer Zeit die Maske der Ungöttlichkeit herabrissen, die kriegerischen Nasiräer, die rasenden Nebiim, und schließlich die kraftvollen und konsequentesten Puritaner des Judentums, die Rechabiter, sind uns nah, wenn wir die unerhörten geistigen Gefahren erkennen, die den Bestand des Judentums mehr in Frage stellten, als die politisch-kriegeiischen Stürme, die über Israel und Juda hinwegfegten. Es sei versucht, aus den spärlich auf uns gekommenen Berichten über diese wahren Ekstatiker — die ja als solche keine Aufzeichnungen hinterlassen konnten — ihr Bild zu rekonstruieren und so einen- Lichtblick aufzufangen aus jenen Zeiten, in denen erschreckend und erschütternd die erste Periode des Judentums zum Abschluß gebracht wurde. In allen Zeiten . satten Lebens der herrschenden Klassen, die wir, wenn wir ihre Kultur betrachten, als Zeiten des Verfalles, der Dekadenz werten können, aber auch in allen Zeiten der Gefahr, sei es der Gefahr von außen, sei es der Gefahr von innen, traten Gotteskämpfer, Einzelne in Jisrael auf, die das Wort Gottes, hingerissen im Schauer einer Begnadigung, zur Tat zu wandeln suchten. Einmal Einsame, Gestalten von unerhörter Kraft, Nasiräer, das andere Mal Derwischgemeinschaften tanzender und rasender Nebiim. Diese letzten aber waren festgefügt in einer Organisation — der

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