Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Die Rechabiter
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 637 (sequence 1)
- Language
- German
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637 EUGEN HOEFLICH / DIE RECHA* BITER Versuch einer zusammenfassenden Darstellung Man mag die Geschichte einer Epoche aus zweierlei Perspektiven betrachten: einmal mit dem Blick auf dieMasse, die, Trägerin dieser Geschichte, aus ihren Bewegungen, aus dem Niederschlag ihrer Handlungen dem späteren ein geschlossenes Abbild ihrer Zeit gibt. Dies ist die positive Geschichtsbetrachtung, die einfachste Art, die Geschichte eines Zeitabschnittes zu rekonstruieren. Die andere Art hingegen, die negative, ist weniger einfach und brirgt das Bild schärfer belichtet zutage, denn sie läßt Schlüsse zu, die aus der vorhererwähnten Betrachtungsart füglich nicht zu ziehen sind. Diese andere, negative Art der Betrachtung bindet den Blick auf die Gegenspieler der Masse, auf die Outsider ihrer Zeit, deren Stellung als Einzelne eine Abwehrstellung, eine Kampfstellung ist gegen jene — in der Überlieferung meist schwachbelichteten — Mißstände der Zeit, deren Kenntnis aber das Wesen einer Epoche meist eindeutiger bestimmt als die im hellen Lichte des Tages einer eifrigen Geschichtsschreibung liegenden Taten der Könige, Führer und Wortführer der Menge. Betrachten wir nun die Geschichte einer Zeit aus dieser Perspektive, dann können wir die Fessel ablegen, die Gewohnheit und geschichtliche Kontinuität — deren Glieder wir ja sind, wenn wir die Geschichte unseres Volkes untersuchen — uns anlegen; unser Blick wird freier, Überkommenes steht nicht mehr blickbeschränkend im Weg und unserem Auge sind Tiefen auf getan, die uns verborgen waren, als wir aie schwerbeweglichen Träger der Geschiebte allein betrachteten. Wenn wir nun die alte Geschichte des Judentums von dieser Warte aus ansehen, scheiden wir schalf, schärfer als in der Historie irgendeines anderen Volkes, zwischen der Masse und ihren Outsidern; hier ist der Outsider viel eindeutiger, viel schärfer als Gegenspieler umrissen, denn wer immer hier Gegenspieler, wer immer hier in Abwehrstellung gegen Staats-, Religions- oder Sozialeinrichtungen stand, war kein Mann der positiven Verbindungen mit der Masse: stets war er ein Einsamer, ein Ekstatiker, völlig in sich abgeschlossenes Individuum, selbst in Zeiten der Massenekstase. So sehen wir die Linie der großen Außenseiter als eine Linie der Kämpfer gegen ihre Zeit und deien Mißstände, sei es gegen niederträchtigen Optimismus, der die drohenden Gefahren der Zukunft, die dem Einzelnen, dem Ekstatiker nur offenbart sind, nicht erkennen will und kann,- oder sei es gegen den Pessimismus der inneren Unfreiheit. So sehen wir die ersten gioßen Außenseiter, die Urväter, die gegen die barbarische Vielgötterei der Masse das Wort erhoben und den Krieg führten. Aus den verdämmernden Fernen einer Urzeit treten, aus Kämpfen dieser