Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Das soziale Ideal bei Platon und den Propheten
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 635 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101189-3101199-3108575--6511-3108672- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Das soziale Ideal bei Piaton und den Propheten 635 Entwicklung und nur die Zukunft bestimmt und befestigt das Dasein der Menschen. Piaton dagegen schränkt seinen Idealismus auch hier ein durch Anpassung an die Reformbestrebungen der orphischen Theologie seiner Zeit, Und sein ethischer Rigorismus bewährt sich freilich darin, daß er nicht etwa als ein Schlaraffenland das Jenseit ausmalt, auch nicht als die Insel der Seligen, sondern den Tartaros beschreibt er als den Ort der Vergeltung, die sich auch auf die Wiedergeburt erstreckt, in der die Menschen die Folgen ihrer Bestrafung wieder mit auf die Welt bringen. Es ist auch hier charakteristisch, daß die Bestrafung das Grundproblem seiner praktischen Unsterblichkeitslehre bildet. Nun sind diese wiederholten Beschreibungen die wichtigsten Vorwürfe seiner Mythenbehandlung, und von allen Seiten her muß sich seine Darstellung der Ideenlehre diese Verschmelzung mit dem Mythos gefallen lassen. Und es ist unverkennbar, daß bei dieser Verwendung des Mythos sein Humor die mächtigsten Schwingen regt. Wie Dante bei allem Patriotismus und aller mittelalterlichen Pietät die Strafen in Hölle und Fegefeuer nicht so erbarmungslos hätte beschreiben können, wenn sein weltgeschichtlicher Humor ihm nicht den Griffel geführt hätte, wie denn auch alle Bilder des Jüngsten Gerichts nicht ohne diesen Humor entstanden sind, so regt sich auch bei Piaton der unfreiwillige Spott des Intellektualismus gegen die Zauberfesseln der dogmatisch-religiösen Phantasie. Aber wenn man dies auch bedenkt und würdigt, so bleibt es doch eine Bestätigung seines Grundgedankens vom Krieger, daß auch hier die kriegerischen Mythen in die Schattenwelt eintreten. Es verbleibt nicht bei dem Jenseit des Daseins, welches, wenngleich nur ein Sproß, so doch das Abbild des Guten ist. Des Guten wegen wäre die Zukunft erforderlich. Das Jenseit aber muß für die Schlechten und ihre Bestrafung erdacht und aufgenommen werden. Ohne Strafe, ohne Schmerz und Pein in der Unterwelt ist es nach dem Gorgias (525) nicht möglich, der Ungerechtigkeit entledigt zu werden. Und wenngleich als Beispiele der unheilvollsten Frevler meistens Krieger und Fürsten aufgeführt werden, so wirkt doch in der Notwendigkeit der Strafe der ursprüngliche Kriegsgedanke nach. Dahingegen wird bei den Propheten die Vergeltung zur Vergebung. Es ist das eigentliche Amt, der Beruf ihres Gottes, Gnade ergehen zu lassen vor Recht, Versöhnung und Erlösung zu üben an dem Freyler. Nach dem hebräischen Wortlaut trägt er die Sünde, nimmt sie auf sich, als ob er sich, als den Schöpfer des Menschen, für die Gebrechen seiner Natur verantwortlich machen sollte. Dieser Gedanke hat unmittelbare soziologische Kraft, nicht nur für die Rechtspflege und die Verbesserung des Strafvollzugs, sondern auch für die Erkenntnis der tieferen Ursachen der Unsittlich keit und ihrer Milderung und Beseitigung. Mit dem Tartaros und der Strafe als Bedingung der Wiedergeburt und Auferstehung wird das schwerste Hindernis hinfällig, welches für den sozialen Idealismus der Zukunft der Menschheit besteht.