Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Das soziale Ideal bei Platon und den Propheten
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 634 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101189-3101199-3108575--6510-3108671- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
«34 Hermann Cohen: nicht anerkannt und dafür die staatliche Zuteilung zum Zwecke angemessener Kinderzeugung als Staatsgesetz begründet. Der militärische Giundgedanke beherrscht das politische Erziehungssystem, wie auch das Rechtsverfahren; endlich aber kommt er zu besonderer Anstößigkeit in der Sklaven-Gesetzgebung. Es ist schon auffällig, daß nicht gefragt wird, woher bei der Staatsgründung die Sklaven kommen, geschweige ob sie beständig foitbestehen dürfen. Aber unerträglich ist es, mit welcher Grausamkeit sie bestraft werden, wie sie z. B. für jede Beere, die sie aus dem Bereiche eines anderen an Trauben gepflückt haben, körperliche Züchtigung zugezählt erhalten. Diese Raffiniertheit der körperlichen Strafen ist beinah noch empörender als die Grausamkeit, welche die ganze Sklaven-Gesetzgebung durchzieht. Wie sehr entspricht dagegen die prophetische, die mosaische Gesetzgebung über die Sklaven ihrem Grundgedanken vom Menschen. Das berüchtigte Auge um Auge ist das wahnwitzigste und undankbarste Beispiel in der gesamten Geistesgeschichte. Der Kernspruch sollte vielmehr lauten: Zahn um Zahn. Denn wenn der Herr seinem Sklaven auch nur den Zahn ausgeschlagen hatte, so mußte er ihn frei entlassen. Und es gibt kein Blutgeld in Israel für den Totschlag eines Sklaven. Auch durfte der entlaufene Sklave seinem Herrn nicht wieder ausgeliefert werden. Auch hier greift der Gedanke des einheitlichen Menschen durch, der durch den Fremdling vermittelt wird. Piaton hingegen bleibt auf dem griechischen Boden, insofern er an dem Unterschiede zwischen Hellenen und Barbaren festhält. Die Differenz zwischen Piatonismus und Prophetismus präzisiert sich soziologisch in der Differenz zwischen Ger und Barbar. Der Hellene ist autochthon. Die Thora fordert Einheit für den Eingeborenen und den Ausländer. Dies ist die ethische Vorschrift, die für Recht und Staat freilich Modifikationen erfordert. Aber die Norm vollendet sich im Messianismus. Wenn Meyer die Prophezeiungen der Ägypter als Schema für die Propheten nachzuweisen sucht, so übersieht er den Unterschied, daß die Propheten nach der Vernichtung des eigenen Staates die Herrlichkeit der Zukunft verheißen. Erst mit dieser unbedingten Herrschaft der Sittlichkeit über den eigenen Staat und das eigene Volk wird die Ausnahme von der Menschheit getilgt, welche das Barbarentum bildet. Durch die messianische Menschheit erst wird Gott der Vater, nicht mehr nur der Schöpfer der Menschen, und die Menschen werden, als Kinder Gottes, zu Brüdern. Die Erfüllung der Zukunft mit dem einheitlichen Bilde der Menschheit hat noch eine andere große Differenz zur Folge. In das Sittenbild der Propheten wirft der Mythos vom J e n s e i t nur Schatten und Nachklänge, im sittlichen Weltbilde Piatons dagegen bildet es den eigentlichen Horizont. Bei den Propheten tritt das Jenseit zurück gegen das Einst. Vom Jenseit sagt Jesaja: „kein Auge hat es gesehen, außer Dir Gott allein". All ihr Interesse, geistig wie sittlich, ist auf das Einst der Menschenwelt gerichtet. Das Gottesreich ist ihnen mit dieser Erde verknüpft, die bei aller ihrer Erneuerung immer nur von derselben Menschenart bevölkert bleibt. Nur die