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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 10-11 · p. 636

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 10-11
Article
Das soziale Ideal bei Platon und den Propheten
Date
1923-01-01
Page
636 (sequence 19)
Language
German
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636 Hermann Cohen: Das soziale Ideal bei Piaton und den Propheten Wenn wir hier auf den Anfang zurückblicken, so ist es der einseitige Intellektualismus, der den Gedanken der Allheit gelähmt. Für die Menge sei die Philosophie nicht möglich. In diesem Satze wird das Platonische Licht zum Aristotelischen Schatten, wird der Idealismus verkehrt in empirischen Realismus. Die Propheten sind nicht Philosophen. Für sie genügt es, daß die Menschen Gott erkennen und durch ihn den Menschen. Dieser Gotteserkenntnis sind nach ihrer Zuversicht alle Menschen fähig, und sie würden an Gott verzweifeln, wenn sie in dieser Zuversicht wankend würden. Dies ist der Vorzug ihres Idealismus, wenn wir nach dem allgemeinen Sprachgebrauche diesen Optimismus so nennen dürfen. Aber freilich beschränkt sich diese Gotteserkenntnis auf die Sittenlehre, und da diese nicht auf der Idee der wissenschaftlichen Erkenntnis beruht, so darf man sie in genauer Terminologie nicht als Ethik bezeichnen. In den allgemeinsten Zügen bewegt sich die Weltgeschichte in dem Kampf und der Wechselwirkung dieser beiden geistigen Grundkräfte. Und aller soziale Fortschritt muß sich die allgemeine Schule und die Einheitsschule zum Ziel setzen, auch wenn er von der wirtschaftlichen Reform seinen Ausgang nimmt. Für unsere Zeit gilt es die doppelte Einsicht zu gewinnen, daß der Pessimismus von der Unfähigkeit der sogenannten Menge für die Wissenschaft das Grundübel ist, das allen wahrhaften Fortschritt hemmt und illusorisch macht. Das ganze Volk ein Priesterreich, dieser prophetische Grundgedanke muß die Losung der neuen Welt werden. Ebenso muß aber auch das Vorurteil abgetan werden, daß mit Religion allein wahrhafte Sittlichkeit begründet und befestigt werden kann. Piaton hat nur darin unrecht, daß er der Menge die Fähigkeit zur Philosophie abspricht; recht aber behält er darin, daß er ohne philosophische Ethik keinen Frieden auf Erden voraussieht. Es muß zur einheitlichen Forderung der Soziallehre für die Schule und für den Staat errungen werden, daß der wissenschaftliche Unterricht dem gesamten Volke erschlossen wird. Das sachliche, wie nicht minder aber auch pädagogische Fundament alles höheren wissenschaftlichen Unterrichts war, ist und wird sein die Philosophie, die in der Verbindung von Logik und Ethik allein den Idealismus begründet. So bleiben die Propheten ebenso wie Piaton die Geistesführer des Menschengeschlechts, die nur miteinander verbunden das Ziel des sozialen Ideals erreichbar machen.

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