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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 10-11 · p. 633

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 10-11
Article
Das soziale Ideal bei Platon und den Propheten
Date
1923-01-01
Page
633 (sequence 16)
Language
German
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Das soziale Ideal bei Piaton und den Propheten 633 Zeit ist es, mit der sie die Widersprüche im Räume, in der geographischen Ausbreitung der Menschheit überwinden. Daher hat ihr Sein keinen Stillstand, sondern alles ist in Entwicklung, in Verwandlung, in ewiger Neuentstehung. Daher besticht sie keine Macht der Wirklichkeit; auch der Staat, der eigene Staat macht sie nicht befangen. Er muß vernichtet werden, und nur „der Rest Israels" soll übrig bleiben, damit aus ihm alle Völker sich verjüngen können. Die Verwandlung erstreckt *ich bis auf die Sprache, die Gott dereinst in „Eine lautere Sprache" für alle Völker umwandeln wird. So hat weder die Natur noch die Menschenwelt eine absolute Beharrung, sondern ewige Neuschöpfung ist der Sinn der göttlichen Schöpfung. Bei Piaton hat Burckhardt „Stillstellung der griechischen Kultur" getadelt. Wir erkennen aber, daß die Enthaltung von der Zukunft den Stillstand aller Kultur und Geschichte zur Folge hat. Es ist nicht sein größter Fehler, daß er nicht die „Zukunft erraten oder gar hervorgerufen" habe, sondern daß er überhaupt den Begriff der geschichtlichen Zukunft und dahei den Begriff der geschichtlichen Entwicklung nicht gehabt hat. Auch seiner Utopie in der Atlantis fehlt die Fernsicht. Daher bleibt die Vorsorge für den Krieg eine Obliegenheit selbst der Utopie. Auf dem Prinzip der Entwicklung beruht das ganze Problem der Erziehung. Und praktisch will die Ideenlehre durchaus ein Erziehungssystem sein. Aber dieses ganze System, welches eine „Umwendung" bedeuten will für die Seele von der Wirklichkeit in das Reich der Ideen: diese ideale Pädagogik ist dennoch auf den unaufhörlichen Fortbestand des Kriegerstandes begründet. Sonach gehört der Krieg in das Idealbild der Menschheit. Wie anders dagegen dk Propheten. Sie predigen nicht nur das Verschwinden der Kriege, sie g^ben ihrem Gotte als sein höchstes Attribut vielmehr den Frieden. Gott ist der Schöpfer des Friedens, wie der des Lichtes und des Menschen. Der Priestersegen gipfelt in der Einsetzung des Friedens. Der Friede entstammt der Sprachwurzel der Vollkommenheit. Er ist gleichsam ein Ausdruck des Ideals. Aus diesem Übergewicht, den der Kriegerstand behauptet, erklären sich auch alle Schwächen und Mängel, alle Lücken und Widersprüche in Piatons Staatslehre. Das Eigentum wird aufgehoben, aber nur für die oberen Stände, wie wir schon sahen. Die Wissenden werden die Regierenden, aber das Priestertum bleibt und mit ihnen bleiben die Opfer unangefochten. Mit dem Eifer der Propheten gegen das Opfer hingegen wird auch das Priestertum von ihnen angegriffen. Und wenn zwar auch die Leviten nur ohne unbewegliches Eigentum bleiben, so wird ihnen aber keineswegs der Anteil am Geistigen ausschließlich zuerteilt. Auch die Widersprüche in den Instituten der Ehe und der Familie dürften sich im letzten Grunde aus der Wurzel, den der Kriegerstand für den Staat bildet, erklärlich machen. Die Gemeinschaft der Kinder zieht die Gemeinschaft der Weiber nach sich. Dennoch aber bleibt der Ehebruch bestehen, und es wird nicht nur die freie Liebe nicht zugelassen, sondern die Liebe überhaupt, als das Prinzip der Ehe,

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