Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Das soziale Ideal bei Platon und den Propheten
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 632 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101189-3101199-3108575--6508-3108669- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
6$2 Hermann Cohen: menschlichen Olganismus. Danach wird aber wiederum der Widerspruch störend, den die Krieger neben den Wissenden, als Grundfaktoren des Staates und demgemäß der Seele, bilden. So wird der Dualismus zwischen der erkennenden Vernunft und dem praktischen Willen erkennbar. So wird es auch verständlich, daß der Wille nur erst als Affekt zur Entdeckung kam, daß fernerhin auch noch nicht die Einheit aufging, die zwischen Vernunft und Willen bestehen muß. So wird es endlich auch verständlich, daß der Vernunft selbst Schranken gezogen wurden, wie der Affekt noch nicht in die unendlichen Grenzen des Willens eingefaßt wurde. Der Wille, nur als Affekt noch gedacht, legte auch der Vernunft hemmende Zügel an und engte den Horizont des Idealismus ein. Der Begriff des Menschen wurde hergeleitet aus dem Begriffe des Staates, und zwar aus dem der empirischen griechischen Staaten. Die Wirklichkeit, die Gegenwart und allenfalls auch die Vergangenheit, in ihren Grenzen bewegt sich der Blick des Idealisten. Wird aber das Zeitbild etwa durch Vergangenheit und Gegenwart erfüllt? Und fehlt etwa eine Nebensache, wenn die Zukunft fehlt? Hier wieder tut sich ein gewaltiger Unterschied auf gegenüber dem Zeitbewußtsein der Propheten. Sie sind so wenig weltfremd, wie Piaton, aber ihre auswärtige Politik schon unterscheidet sie von der Politik Piatons, für den nur Griechenland vorhanden ist, und der in Sizilien auch nur nach griechischen Mustern seinen Idealstaat einrichten will, wie er ihn in allen seinen Staatsschriften nur nach diesen Mustern entwirft. Die Propheten dagegen sind zwar praktische Politiker in ihrem Volke. Aber ihr Staat ist nicht die Polis, für deren Eigenart jeder griechische Bürgergeist eintritt, sondern über die Polis hinaus greift schon der Stamm, und über den Staat selbst der Doppelstaat von Juda und Israel. Und nun kommen gar die Propheten und entwerfen ein ganz anderes Idealbild vom Staate, zerschlagen den Staat der Stämme " und errichten das Idealbild eines Völker-, eines Menschenstaates. Für dieses Bild reicht keine Gegenwart aus, und keiner Vergangenheit kann es entnommen sein. Es ist ein ganz neuer Zeitbegriff, der hier das Bewußtsein erfüllt: in der Zukunft entsteht die Unendlichkeit der Zeit, die für die Entwicklung des Menschengeschlechts bei Piaton gar nicht vorhanden ist. Nur räumlich ist sein Blick über Griechenland hinaus erweitert. „Es hat aber die Erde viele und wunderbare Orte, und es ist weder an Größe noch Gestalt so, wie von denen, die über die Erde geredet haben, geglaubt wird, nach dem, was ich von einem erfahren habe." (Phädon, p. 108.) Aber daß es einmal schönere Zeiten geben könne, davon ahnt er nichts. Für die Propheten hingegen konzentriert sich die Erde und das Universum fast gänzlich auf die Zeit. Denn der Raum steht bei ihnen im Widerspruch der beiden Begriffe: Jerusalem und die ganze Erde. Sie schlichten diese Antinomie durch den „neuen Himmel" und die „neue Erde", die „am Ende der Tage" erstehen werden. Das Ende, die Unendlichkeit der