Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Das soziale Ideal bei Platon und den Propheten
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 630 (sequence 13)
- Language
- German
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630 Hermann Cohen: gegen seinen Begriff, daß die Erkenntnis eigentlich nur einem Stande übertragen wird. Es ist auch kein Widerspruch, daß das Amt der Erkenntnis endlich auch noch dem Mutterboden der Krieger zufällt. Denn diese teilen sich ja mit den Philosophen in die Geschäfte der Herrschaft und der Staatsverwaltung. Man könnte immer noch fragen, was der letzte Grund sei für diese Teilung der Hüter und Wächter in Wissende und Krieger, und weshalb nicht die Herrschaft im Staate ausschließlich den Philosophen anvertraut wird. Man könnte ja für die Krieger einen Ausnahmestand erdenken, der nur für die Zwecke der Landesverteidigung notwendig sei — denn über die Grenzen seines Idealstaates, der aber vielmehr nur ein Kirchturmsstaat ist, wie er durch seine 4500 Ackerbürger begründet und festgelegt wird, geht Piatons Blick niemals hinweg; die Fernsicht auf das Menschengeschlecht fehlt gänzlich bei ihm. Indessen hat der Idealismus Piatons noch offener liegende Lücken und Schäden. Die Krieger werden keineswegs lediglich der Landesverteidigung wegen zu einem festen Stande gegliedert; denn sie werden auch gebraucht gegen den Ungehorsam des dritten Standes im eigenen Staat. Hierdurch wird nicht nur der Schleier über das Wesen des Kriegerstandes gelüftet, sondern tiefer noch wird das Wesen des dritten Standes entschleiert. Nicht darin besteht der Charakter des dritten Standes, daß er den niedrigen Beschäftigungen des Erwerbs und Handels preisgegeben wird, so daß er auch den Gefahren des Eigentums ausgesetzt bleibt, während die oberen Stände des Kommunismus teilhaft werden; es ist nicht genug, daß diese tiefste Wunde des sozialen Lebens eine offene bleibt an seinem sozialen Leibe: es dient ihm auch zur Voraussetzung, daß er im organischen Ungehorsam gegen die Staatsgesetze verharrt. Daher müssen die Regierenden die Krieger sein, die ihn niederhalten und bestrafen. Und charakteristisch ist auch der Gegensatz zum Prophetismus, daß hier in der Herrschaft der Wohlhabenden über die Armen die Herrschaft der edleren Begierden über die schlechteren erkannt wird. Piaton sagt nicht nur{ was richtig und recht ist, daß der Gütererwerb die allgemeine ethische Gefahr bilde, sondern mit dieser Erkenntnis setzt er einen dritten Stand in diesem Lebensberufe fest, und isoliert ihn, und charakterisiert seelische Unterschiede in diesem Stande aus dem Gesichtspunkte seiner Konstituierung. Wir kommen auf eine wichtige methodische Grundlage der Platonischen Staatslehre. Diese ist schlechthin seine Seelenlehre. Denn es ist ein Grundzug seines ethischen Denkens, den wir nun besser verstehen können, daß er die Seele des Menschen, so sehr er ihre Unsterblichkeit verteidigt, dennoch nicht so sehr im Individuum erkennbar werden läßt, wie im Staat. Auch dieser hat ja im Grunde keine Individualität, die vielmehr nur in den drei Ständen objektiviert ist. So konstruiert er nun auch nach dieser falschen Individualität des Staates den Begriff der menschlichen Seele, für den er zwar Idee fordert und daher auch Einheit fordern müßte, aber wenngleich