Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Das soziale Ideal bei Platon und den Propheten
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 629 (sequence 12)
- Language
- German
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Das soziale Ideal bei Piaton und den Propheten 629 letzte Grund des Übels, der vielmehr darin liegt, daß der Stand der Hüter zugleich der der Krieger ist, und daß der Kriegerstand das eigentliche Fundament des gesamten Staates bildet. Hier schon tritt uns die Kluft entgegen, welche dieses soziale Ideal von dem der Propheten scheidet. Nach Jesajas charakteristischem Ausdruck sollen die Völker nicht mehr Krieg lernen. Und Lernen bedeutet sprachlich die Gewöhnung. Der Krieg soll nicht ferner als Menschensitte gelten. Dem prophetischen Denken bleibt es fremd und unbegreiflich, daß der Kriegerstand der ideale, mithin für alle Zukunft fortbestehende Untergrund und Lebensquell des staatlichen Daseins, des sittlichen Menschenlebens sein könne. Aber diese Differenz hat weitere Konsequenzen. Erinnern wir uns, daß für Piaton die Wurzel alles Menschlichen in der Erkenntnis besteht. Das Fundament des Kriegerstandes bedarf demzufolge der Ergänzung durch den Stand der Philosophen. Ist es nun schon ein unheilbares Übel, daß in den Philosophen die Wissenschaft und die Erkenntnis einem besonderen Stande überliefert, nicht allen Menschen zuerteilt wird, so ist es noch schlimmer, daß der Philosophenstand aus dem Kriegerstande rekrutiert und mit demselben unter dem Namen der Wächter und Hüter vereinigt wird. Diese Vereinigung ist die Konsequenz des Grundgedankens von der Scheidung des Volkes in Regierende und Regierte. Diese sind die Grundstände. Und von dieser Unterscheidung aus ergibt sich sowohl die Trennung wie die Vereinigung der Regiei enden in den Stand der Krieger und den Stand der Philosophen. Beiden allein liegt die Herrschaft im Staate ob. Die Vereinigung ist ein notwendigei Gedanke, die Trennung aber ist ein methodischer Widerspruch. Denn die Idee fordert ausschließlich den Stand der Wissenden. Der Kriegerstand stammt nicht aus dem Lande der Idee, sondern aus der politischen Wirklichkeit, die Piatons idealen Blick dennoch gefangen hält. Wenn man nun aber fragen muß, warum Piaton gerade an diesem Punkte der politischen Erfahrung festgebannt wurde, während sein Idealismus, wie wir noch sehen werden, sonst so vielfach die Schranken der Erfahrung überfliegt, so haben wir die Lösung dieses Rätsels in dem Fehlen eines einheitlichen Begriffs, der Idee des Menschen, zu erkennen. Wie der Gedanke der Einheit des Menschengeschlechts gänzlich bei ihm fehlt, so fehlt nicht minder auch der Gedanke der auf selbständigen Individuen beruhenden staatlichen, menschlichen Gemeinschaft. Der Begriff des Menschen bildet ihm nicht das Problem einer Einheit. Der Mensch sei „als irgendein Spielwerk Gottes gebildet worden, und wirklich sei dies das Beste für ihn" (leg. 803 C). Das künstliche Spielwerkzeug bildet den schroffsten Kontrast gegen die Aufgabe, gegen die Hypothese des Menschen innerhalb der Probleme der menschlichen Kultur. Und da der Mensch keine Idee ist, keine gedankliche Einheit, so bedaif er auch in der empirischen Wirklichkeit nicht der Herstellung und Hütung durch Einheit und Einheitlichkeit. Er kann daher gesondert und gespalten werden in seinen Lebensberufen. Und es bedeutet keinen Widerspruch