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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 10-11 · p. 628

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 10-11
Article
Das soziale Ideal bei Platon und den Propheten
Date
1923-01-01
Page
628 (sequence 11)
Language
German
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628 Wir werden bei Piaton aber nicht allein in dem Prinzip der Idee den Grund seines Mangels im Idealismus erkennen dürfen: auch hier hängt die philosophische Theorie mit der Wissenschaft und der Erfahrung zusammen. Schon Karl Friedrich Hermann hat die historischen Grundlagen im Platonischen Staatsideal erkannt. Piaton war, als echter Idealist, in aller seiner Spekulation mit dem Interesse an Natur und Erfahrung verwachsen. Im ganzen Gebiete des Naturwissens war er seinem pythagoreischen Vorbilde treu. Und so war er auch als Ethiker mit der weiten und genauen Kenntnis des Politikers ausgerüstet, und er hat auf seinen Reisen in Ägypten und in Unteritalien nicht nur Mathematik erlernt, sondern an der Schwelle des Mannesalters noch hing er in Sizilien Jugendträumen nach, um die Welt nach Musterbildern zu verbessern, die er keineswegs lediglich erahnte und erschaute, sondern die er als gelehrter Mann der Welterfahrung nach politischen Wirklichkeiten entwarf. Aus diesem Zusammenhange mit der geschichtlichen Erfahrung wird auch die literarische Tatsache verständlich, daß Piaton. das soziale Ideal nicht nur, wie sonst alle philosophischen Probleme, innerhalb der Entwicklung einzelner Dialoge erörterte, sondern daß er ganze Dialoge nahezu ausschließlich ihm widmete. Denn schon seine „Republik" hat diesen Hauptinhalt. Dann aber bringen die „Gesetze" eine neue Darstellung, und endlich bekommen diese nicht nur einen Nachtrag, sondern auch einen Nachläufer im „Kritias", der die Ethik des Staates in den Staatsroman verwandelt. Und dabei haben wir des „Gorgias" und des „Staatsmanns" noch gar nicht Erwähnung getan. Es war die Unsicherheit in der Grundlegung, welche die Unruhe und den inneren Wechsel in der Darstellung seiner Staatslehre erklärlich macht. Seine Anpassungsversuche an die politischen Wirklichkeiten veranlaßten immer neue Differenzen, aber seine eigenen Berichtigungen trieben ihn immer tiefer in Materialisierungen seiner idealen Grundlagen hinab, bis sie bei der Utopie endigten. Seine vornehme Abkunft darf nicht etwa zur Erklärung herangezogen werden, denn sie hat ihn nicht abgehalten, gegen die Flottenpolitik seines Großoheims Perikles in ewig denkwürdigen Ausführungen Widerspruch zu erheben. Hingegen ist es sein hellenischer Standpunkt überhaupt, in dessen Engen er befangen blieb. Wir sind jetzt durch Jakob Burckhardt auf die P o 1 i s als die Grundlage des griechischen Staatswesens aufmerksam geworden. Sie ist das Grundelement des Partikularismus der Stämme und der Städte. Dem Individuum gegenüber aber ist sie nicht minder absorbierend als der Staat. Das Volk, als Masse bezeichnet, wird der Individualität enteignet. Es tritt daher eine nur scheinbare Individualisierung an die Stelle der echten, nämlich die Einteilung in die drei Stände: der Wächter, der Helfer und der Gewerbetreibenden. Von minderem Werte ist die Frage nach der Erblichkeit dieser Kasten als die Einteilung der Menschen im Staate überhaupt nach festgelegten Berufen, deren Wechselwirkung für das Staatsleben durch die Festlegung gehemmt wird. Aber auch diese ständische Einschnürung ist nicht der

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