Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Das soziale Ideal bei Platon und den Propheten
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 627 (sequence 10)
- Language
- German
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Das soziale Ideal bei Piaton und den Propheten 627 flucht nehmen möchte. Wissenschaftlich ausgedrückt, wird hier die Zweideutigkeit erkennbar, die bei Piaton im Begriffe der Vernunft besteht, insofern sie sittliche Vernunft ist in Identität und auf Grund der wissenschaftlichen Vernunft. Da aber nicht alle Menschen der Wissenschaft fähig seien — warum nicht? —, so können sie auch nicht allesamt der Philosophie fähig werden. Und da auf der philosophischen Erkenntnis alle Sittlichkeit beruht, so können sie auch nicht allesamt der Sittlichkeit praktisch fähig werden. Deshalb müssen sie von den Regierenden, den Philosophen, regiert werden. Diese Konsequenz ist identisch mit dem Prinzip der Ideenlehre, wenigstens soweit Piaton selbst die Idee des Guten in Einklang zu bringen vermochte mit der allgemeinen Ideenlehre. Aber alle Vorzüge der theoretischen Kultur können nicht über den Schaden hinwegtröster, der aus dieser Überspannung des methodischen Leitgedankens über "die Welt hereingebrochen ist. Noch heute nährt sich der Skeptizismus gegen das soziale Ideal aus diesem Vorurteil, daß die Menschen schlechterdings nicht allesamt zur Wissenschaft und darum auch nicht zur Erkenntnis des Sittlichen auf diesem Wege befähigt seien. So wird es klar, daß für Piaton die Idee des Menschen nicht aufging; denn ohne den Grundgedanken von der Gleichartigkeit der Vernunft in allen Menschenköpfen kann kein einheitlicher Begriff vom Menschen entstehen, und ohne diesen einheitlichen Begriff kann auch der Glaube an die Verwirklichung der Sittlichkeit im Menschengeschlechte nicht aufkommen. Was ist aber aller wissenschaftliche Idealismus ohne diesen Abschluß, den die Erkenntnis von der Einheit des Menschengeschlechts bildet, von der Einheit aller Stände in jeglichem Staatswesen, von der Einheit aller Menschen in der Bestimmung zum Guten und demgemäß in der Fähigkeit zum Guten — was bedeutet aller Idealismus ohne die Idee des Guten in jedem Menschengeiste? Hier wird wieder bei aller Einseitigkeit und allem Mangel an wissenschaftlicher Begründung dennoch der praktische Vorzug des Prophetismus einleuchtend. Eine solche Einschränkung und Auswahl unter den Menschen erträgt er nicht. Auch dem König, wenn er einmal gewünscht wird, wird zur schlichten Vorschrift gemacht, daß er das Buch der göttlichen Lehre sich niederschreiben soll. Diese eigenhändige Niederschrift ist die allgemeine Vorschrift, durch die er mit jedeimann im Volke auf das gleiche Niveau gestellt wird. In bezug auf Gott und den Menschen darf es keinen Unterschied geben zwischen Regierenden und Regierten, noch zwischen Philosophen und Nichtphilosophen. Mose sagt: „Möchte doch das ganze Volk Gottes Propheten sein". Nur für die Zeitlage wird hier ein Unterschied gemacht, nicht für die Qualität des Geistes unter den Menschen. Und so fordert Jeremia von der Zukunft, daß keiner den anderen lehren werde, denn allesamt werden sie von groß bis klein Gott erkennen. Die Fülle der sittlichen Erkenntnis wird für alle Menschen verheißen: die Fülle, weil sie aus dem Prinzip Gottes hervorgeht, das freilich, das eben nicht das Prinzip der wissenschaftlichen Erkenntnis ist. Dieses Prinzip Gottes ist das einheitliche Doppelprinzip von Gott und Mensch. 40*