Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Das soziale Ideal bei Platon und den Propheten
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 626 (sequence 9)
- Language
- German
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626 Hermann Cohen: allein die Triebfeder der sozialen Kraft nicht sein kann, daß vielmehr im letzten Grunde die Quellen der Wissenschaft gegraben und belebt werden müssen, wenn Sicherheit, wenn fortschreitende Entwicklung den sittlichen Problemen zuteil werden soll. Und so müssen wir wiederum von den Propheten auf Piaton zurückblicken. Der Vorzug Piatons besteht in dem Prinzip der Erkenntnis. Alle orphische Theologie bleibt haltlos, wenn sie sich der Ideenlehre nicht zu bemächtigen vermag. Das Mitleid kann dem Menschen die Erkenntnis nicht ersetzen. Ohne Philosophie kann das Leiden kein Ende nehmen unter den Menschen. So wird die Erkenntnis zum Grundpfeiler der sozialen Welt. Schon das Leiden selbst bedarf zu seiner Ergründung der Erkenntnis, geschweige die Aufhebung des Leidens, die Erlösung von ihm. Die prophetische Einsicht ist doch nur eine Ahnung, eine Schau. Es ist gewiß nicht zufällig, daß das hebräische Wort für die prophetische Vision dieselbe Bedeutung hat, wie die ursprüngliche Wurzel für die Idee. Aber das eben ist der Mangel im Prophetismus, daß die Schau nicht zur Grundlegung wird. Und dies bleibt der Mangel der Religion, daß sie nicht grundsätzlich der Methodik der Wissenschaft sich unterzieht, daß sie zwar den menschlichen Geist als den von Gott eingesetzten „heiligen Geist" «erkennt, dennoch aber vor der Gleichsetzung der Wissenschaft mit der göttlichen Erkenntnis des Sittlichen Scheu trägt. Ohne die rückhaltlose Anerkennung der wissenschaftlichen, der philosophischen Erkenntnis vom Sittlichen kann es jedoch nicht zur Wahrhaftigkeit im ganzen Gebiete der Religion kommen. Und hier bleibt für alle Zeiten der göttliche Piaton der Mahner zur Wahrhaftigkeit, der Hüter der wissenschaftlichen Erkenntnis, als des einzigen untrüglichen Hortes der Wahrheit. Indessen ist von dieser Sonnenseite aus nun auch der Schatten im Platonismus zu erkennen. Schon das bekannte Wort, daß das Ende des Leidens unter den Menschen nicht kommen werde, bevor ,,die Könige philosophieren und die Philosophen Könige werden", enthüllt den Schatten bei diesem Lichte. Wir wollen keinen Anstoß an den Königen nehmen, sondern sie nur als die Regierenden auffassen: soll denn aber der Unterschied unter den Menschen die Schroffheit zwischen Regierenden und Regierten beibehalten? Sollen denn nicht alle Menschen einstens an der Regierung Anteil erlangen, so daß alle ebensosehr Regierende wie Regierte sein werden? Könnte es bei Piaton an dieser Konsequenz gebrechen, welche das Prinzip der Erkenntnis für alle Menschen, insofern sie Vernunft haben} fordern muß? Und wenn das schier Undenkbare dennoch dem Sachverhalt entspräche, so würde diese Anomalie nur daraus erklärbar, daß das Prinzip der Erkenntnis selbst eine Einschränkimg gleichsam verschuldete: als ob es verstümmelt würde, wenn seine Anwendung auf alle Menschen gefordert würde. Haben denn aber nicht alle Menschen Geist und Vernunft? Hier wird der Mangel im Prinzip des Geistes und der Vernunft, als Prinzipien der Erkenntnis, welche mit der Wissenschaft zusammenhängt, erkennbar, so daß man zu dem gebrechlichen Prinzip des Mitleids seine Zu-