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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 10-11 · p. 625

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 10-11
Article
Das soziale Ideal bei Platon und den Propheten
Date
1923-01-01
Page
625 (sequence 8)
Language
German
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Das soziale Ideal bei Piaton und den Propheten 625 Zeichnung des Erkenntniswertes, wie die mathematischen Naturideen. Und auch die Idee des Guten genügt ihm nicht. Und wenn Piaton selbst Gott als den Guten schon fordert, so bleibt dieser Gedanke einseitig und unausgedacht, wenn nicht der Mensch seinen Eigenanteil an der Güte erlangt. Diesen Eigenwert des Menschen haben die Propheten entdeckt. Und es ist ihr soziales Gewissen, dem diese Entdeckung verdankt wird. Die Armen setzten sie gleich mit denFrommen. Diese Gleichsetzung ist der entscheidende Höhepunkt in der Entwicklung des Messianismus. Und der Messianismus selbst wird daher zum Bannerträger der Armut. Alle Schuld der Menschen nimmt er auf sich, weil er alles Leiden der Menschen auf sich nimmt. Ohne den Reiz der Heldenkraft und der Götterschönheit reitet er, das Sinnbild des menschlichen Leidens, auf seinem Esel durch die Welt. Er verschmäht allen Anteil an den ästhetischen Reizen der Welt, nur das Elend des Menschen stellt er in seinem sozialen Elend dar. Die Faustdichtung der alten Bibel, der H i o b , tritt so in den Kreis des Messianismus ein. Die Menschen fragen, nachdem die Propheten es ihnen klargemacht haben, daß der Mensch seiner Vorfahren wegen weder sündigt noch leidet: Woher aber entspringt das Böse im Menschen? Anstatt dieser metaphysischen Frage sollten sie zu fragen lernen: Woher entspringt das Leid im Menschen? Und das heißti was ist der Sinn der Armut? Als diesen Sinn sollten sie negativ erkennen: nicht die Schuld. Und positiv erwuchs daher die Einsicht, daß der Arme durchaus als der Gute erkannt werden müsse. An dieser Einsicht sollte kein Begriff von Gott, noch vom Menschen, auch keine Welterfahrung irre machen. Gott ist der Gott der Gerechtigkeit, er wird dem Armen schon helfen. Er ist der Gott der Weltgeschichte, und er wird an der Menschheit gutmachen, was das Individuum zu leiden hatte. Er ist der Gott der Güte, er kann daher nur aus dem Lichte der Güte das Armenleid über den Menschen verhängen. Und die Erkenntnis seiner Güte bringt mich zu der Einsicht, daß der Arme der Fromme, der Gottesfürchtige, der Liebling Gottes ist. Diese Erkenntnis erwächst zwar nicht aus der Wissenschaft, sie ist daher auch nicht eine Idee des Guten, aber sie ist auch nicht der Gedanke von einem abstrakten Guten, das sich auch auf Sachgüter übertragen könnte, sondern sie wird konkret und persönlich am Menschen. Und am Menschen erst entzündet sich die Liebe zu Gott. So erkennen wir zwar die Schranke im Begriffe dieses Gedankens, sowohl von Gott, wie vom Menschen. Das Mitleid mit dem Leiden hat diesen Gedanken zur Entdeckung gebracht. Wir begreifen hiernach, wie diese mangelhafte Erkenntnis die Metaphysik vom Tode nicht aus der Welt schaffen konnte. Die Menschen lieben immer mehr andächtig zu schwärzen, als gut zu handeln. Und wir begreifen so auch, daß das gute Handeln unter dem Zauberstabe dieser religiösen Einsicht immer zwar das Höchste noch hervorgebracht hat, was die dämonische Menschennatur an Zügelung und Bändigung zuließ, zugleich aber wird es uns klar, daß Mitleid Heft 10/11 40

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