Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Das soziale Ideal bei Platon und den Propheten
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 624 (sequence 7)
- Language
- German
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624 Hermann Cohen: harren. .Wenn sittliche Tätigkeit gegen das Leiden erweckt werden soll, so muß der Blick abgewendet werden von dem gemeinen Schicksal in Krankheit und Tod. Das Elend mußte nicht mehr biologisch, sondern soziologisch entdeckt werden. So wurde der Arme zum Symbol des Menschen. Die ganze Entwicklung des Prophetismus läßt sich an diesem Leitgedanken verfolgen. Gott ist nicht der Vater der Helden, und nicht diese werden als die Gottgeliebten bezeichnet, sondern Gott ,,liebt den Fremdling". Der Fremde ist im Polytheismus, ausgenommen daß er zum Gastfreunde werden kann, der Widerpart zum idealen Menschen, der nur der Volksgenosse ist. Er ist der Barbar. Sobald aber der eigene Gott den Barbaren liebt, die feindlichen Völker sich zu eigen erklärt, wie sein Eigentum Israel, so erhellt sich der Horizont des Menschen. Der Messianismus fordert und beschwingt diese Entwicklung, die zum Kosmopolitismus führt. Hier soll nun aber die andere Reihe entrollt werden, welche zum Sozialismus führt. Wie Gott neben dem Fremdling fast immer auch die Waise und die Witwe liebt, so sind diese es mit ihm, welche die soziale Bedrückung tragen, von der die Gerechtigkeit Gottes sie befreien soll. Aber wie sehr die Propheten immerfort Recht und Gerechtigkeit anrufen und ihren Gott als den Gott der Gerechtigkeit verkündigen, so genügt ihnen diese Abstraktion nicht, die eine Art von Erkenntnis ist. Sie wenden sich an das Herz der Menschen, das ihnen die einzige Schatzkammer seines Geistes ist, und so erregen sie als die dem Leiden entsprechende Form des Bewußtseins das Mitleid. Ein ganz ursprüngliches Wort ist es in der hebräischen Sprache, das dem Mutterleibe (Rechem) entstammt. Mit diesem Gefühl erbarmt sich Gott des Armen; mit diesem Gefühl soll der Mensch den Armen als Menschen sich entdecken. Das Mitleid ist daher nicht eine Leidenschaft, nicht ein physiologischer Affekt, der dem Menschen mit dem Tiere gemeinsam ist, sondern es ist ein geistiger Faktor, man möchte sagen: ein Surrogat des Geistes. Die ganze Kraft einer Weltanschauung ringt mit ihm zum Bewußtsein. Man müßte sonst an der Gerechtigkeit Gottes, an seiner Güte und Vorsehung verzweifeln, wenn nicht dieses Mitleid eine Kraft des menschlichen Bewußtseins würde, die alles niederschlägt, was der sogenannte Geist als Skepsis hervortreibt. Am Leiden des Menschen interessiert mich nur die Armut. Sie ist die Grundfessel seines Wesens. Vielleicht könnte er selbst den Tod überwinden, wenn nur nicht die Armut als Signatur der Menschenwelt, bliebe. Und es ist der verhängnisvollste Betrug, daß die Armut die Antwort auf die Schuld des Menschen wäre. Bei diesem Irrtum kommt man nicht zu der Wahrheit Gottes und ebensowenig zu der des Menschen, noch auch nur zur ersten Entdeckung des Menschen. Das Mitleid erst entdeckt im Mitmenschen den Menschen. Im Mitleid wird das Leiden des anderen zum eigenen und dadurch der andere zum Mitmenschen. Es ist bedeutsam, daß Piaton noch keine Idee des Menschen auszeichnet Und es ist ebenso bedeutsam, daß Philo, der Jude, diesen Fortschritt in der Ideenlehre vollzieht. Für ihn bedarf der Mensch ebenso dieser Aus-