Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Das soziale Ideal bei Platon und den Propheten
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 623 (sequence 6)
- Language
- German
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Das soziale Ideal bei Piaton und den Propheten 623 Religion geworden, und in ihr die des sozialen Bewußtseins überhaupt, daß sie der Mystik die Gottesliebe entzogen und, ohne den Leitfaden der Wissenschaft zu benutzen, in der Liebe einen Weg der Erkenntnis zu bahnen suchten. Wie konnte dies möglich werden? Bei Gott wäre es in der Tat nicht möglich geworden. Sie aber blieben nicht allein bei Gott stehen, sondern setzten ihn in Verbindung, in Verhältnis, in Wechselwirkung mit dem Menschen. So konnte das Problem der Liebe entstehen: nicht ursprünglich bei Gott, sondern am Menschen. Den Menschen wollten sie erkennen, nicht auf Grund einer Wissenschaft vom Menschen. Diese war ja auch Piaton versagt. Er half sich mit seiner Idee. Die Propheten halfen sich mit ihrem Gotte. Es wäre zwar nicht denkbar, daß die Propheten, und sie allein unter den Sehern aller Völker, den einzigen Gott erdacht hätten, ohne allen Antrieb durch Spekulation. Aber daß diese Spekulation von Gott, als dem einzigen Sein, ohne die Stütze der Wissenschaft blieb, das eben ist das Charakteristische: das eben leitet den Schwerpunkt von aller Metaphysik hinüber in das ausschließliche Problem der Sittlichkeit. Diese aber betrifft nicht sowohl die Fragen über Gott als vielmehr die vom Menschen. Und so ist es von vornherein der Menschengott, der Schöpfer des Menschen, in den hier der .aus Babylonien stammende Gott, als Schöpfer des Himmels und der Erde, verwandelt wurde. Wenn nun aber Gott sonach gleichsam vor den Richterstuhl des Menschen von den Propheten gestellt wurde, so war ihnen der Mensch nicht vorzugsweise der Göttersohn, der Halbgott, der Heros — sondern der Mensch in seiner Schwäche wurde ihnen zum Vorbild. Und die Schwäche war zwar zunächst die moralische, und so wurde die Sünde des Menschen das erste Urbild vom Menschen. Aber wie bei ihnen die Philosophie der Sittlichkeit fremd blieb, so auch die Tragödie. Und so blieben sie nicht bei der Schuld stehen, noch bei der Strafe, als den beiden Seiten des Schicksals, welches den poetischen Urgrund des Menschendaseins bildet, sondern sie entrissen diesem Doppelantlitz von Schuld und Strafe seine Würde; sie faßten das Leiden nicht als das Verhängnis des Menschen auf, sondern als eine Staffel in der Entwicklung seines Begriffs. So wurde durch die Ausschaltung dieses tragischen Grundbegriffs der mythische Urgedanke von dem Neide der Götter ausgerottet. Gott ist der Gute, nicht das Gute. Wenn von ihm auch das Leiden ausgeht, so ist dieses nicht ein böses, sondern es wird eingegliedert in die Entwicklung des Guten, das vom guten Gotte verantwortet wird. Diese Abtrennung des Leidens, als Strafe für die Schuld, von der Schuld ist eine der tiefsten Konsequenzen des Monotheismus, eine der allertiefsten Grundlegungen des sozialen Problems. Denn das Leiden bildet die schwerste Frage gegen die Güte Gottes. Wird es nun aber hauptsächlich am Tode gedacht, so bleibt der Mythos Alleinherrscher. Der Tod ist ein Bild des Schicksals, dem auch die Götter selbst unterworfen sind und das für die Menschen sich nur auf den Tod erweitert. Der menschlichen Sittlichkeit bleibt dabei nichts zu tun; sie kann demgegenüber nur in der Mystik ver-