Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Das soziale Ideal bei Platon und den Propheten
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 622 (sequence 5)
- Language
- German
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622 Hermann Cohen: und Erde geschaffen, das bleibt dem Horizonte dieser Geister fern. Kaum gibt es ein Chaos, geschweige, daß Urstoffe erdacht würden. Die poetische Naturanschauung leitet von vornherein den Blick auf das Universum, das uns in abgeschlossenen Gebilden, in Wasser und Licht, in Pflanzen und Tieren entgegentritt. Diesem Naturbewußtsein fehlt gänzlich das Interesse an der Kontrolle und überhaupt an der Frage, ob die sinnliche Wahrnehmung c in richtiges Bild von der Wirklichkeit der Natur liefere, geschweige, daß nach den Mitteln des Bewußtseins die Nachforschung gerichtet würde: was das Denken zu bedeuten habe neben der Empfindung, und alle dergleichen Probleme, welche entstehen, wenn der Unterschied und das Verhältnis von Subjekt und Objekt aufdämmert. Alle diese Fragen entkeimen dem Interesse an der Wirklichkeit, als einer Wahrheit. Für den Propheten hingegen hat alle Wirklichkeit ihre Wahrheit nur außer ihrer selbst: in Gott, der sie hervorgebracht hat, der sie aber auch verwandelt, so daß die Wahrheit an der Natur selbst gar nicht haftet. Das ist die Schranke des prophetischen Denkens. Es kennt keine Wissenschaft, und es kann daher das Problem der Erkenntnis hier nicht entstehen. Nun bedienen sich die Propheten aber allesamt dieses Wortes der Erkenntnis von ihrem Gotte, und das Wort scheint nicht unpassend gewählt: denn dieser Gott ist der Wahrnehmung entrückt, und alle Sinnlichkeit steht in scharfem Widerspruch zu ihm. Wenn wir jedoch den methodischen Zusammenhang, der in Griechenland der geschichtliche ist, zwischen Erkenntnis und Wissenschaft festhalten, so kann das Wort von der Gotteserkenntnis nur eine übertragene Bedeutung haben. So wird es verständlich, daß Erkennen im hebräischen Sprachgeiste identisch wird mit Liebe. Freilich soll durch die Liebe die Innigkeit der Erfassung, die bis an die Vereinigung heranstreift, ausgedrückt werden. Aber es bliebe doch immer rätselhaft, wie diese Identität von Erkennen und Lieben sich herstellen, wie überhaupt der Gedanke der Liebe auf den unnahbaren Gott gerichtet werden konnte, wenn nicht eben die Lösung des Rätsels darin läge: daß die Erkenntnis überboten werden sollte. Es war unvermeidlich, Gott in Gegensatz zu stellen zu aller Wahrnehmung, der konkreten, wie der bildlichen. Daher mußte Erkennen gegen Wahrnehmen aufgestellt werden. Aber um den Zusammenhang zwischen Erkennen und aller Wissenschaft von der Natur abzustreifen, wird die Erkenntnis in die Liebe umgewandelt, die mit der Wissenschaft nichts gemein hat. Wie rechtfertigt sich nun aber positiv der prophetische Begriff der Liebe, sowohl zu Gott, wie bei Gott? Alle Gefahren der Religion entstehen an diesem Punkt. Alle ihre guten und ihre schlimmen Beziehungen zur Mystik entspringen hier. Sie selbst zwar ist nicht des Zusammenhangs mit der Wissenschaft entblößt, aber sie will sich ihm entreißen. Daher tritt hier die Liebe in Konflikt mit der Erkenntnis. Ist nun dieser Zusammenhang mit der Mystik für die Religion unvermeidlich? Die Propheten sind dadurch die Begründer der sozialen