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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 10-11 · p. 621

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 10-11
Article
Das soziale Ideal bei Platon und den Propheten
Date
1923-01-01
Page
621 (sequence 4)
Language
German
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Das soziale Ideal bei Piaton und den Propheten 621 seitiger Piatonismus. Aber der Piatonismus hat schlechthin Einheitlichkeit, und die Einseitigkeit bildet einen Widerspruch zur Einheit seines Lehrbegriffs. Auf der Einheitlichkeit des Piatonismus beruht seine geschichtliche Ewigkeit: mit ihr vereinigt er ferner auch Wissenschaft und Sittlichkeit, Sittlichkeit und Wissenschaft. Die Idee, als mathematische Idee entsprungen, ist zur Idee des Guten ausgereift. Und alle Skepsis ist dieser Erweiterung gegenüber zum Verstummen gebracht. Das Gute ist zwar nicht das Sein; darum aber darf es doch nicht dem Geltungswerte der Idee entzogen werden: so ist es denn ,,jenseit des Seins". Die Transzendenz ist nicht bei Gott entstanden, sondern beim Guten, als Idee des Guten.- Die Idee des Guten besteht zwar jenseit des Seins, aber keineswegs jenseit der Erkenntnis. Trotz allen Unterschieden, welche dadurch bedingt sind, daß hier, der Mutterboden der Wissenschaft fehlt, muß dennoch die Erkenntnis zum Problem, zum Desiderat gemacht werden für das Sittliche. Auch das Sittliche muß der Kompetenz der Erkenntnis unterworfen und angehörig gemacht werden. Hier beginnt die Gefahr des Dualismus für den Piatonismus, für allen Idealismus der Ethik. Die Idee ist nicht auf die Mathematik und die Natur eingeschränkt; auch der ethische Idealismus wird dem mathematischen angegliedert. Auch das Sittliche wird schlechthin der Norm der Idee unterzogen. Ahnung und Schau werden demzufolge zurückgewiesen und überholt, auch da selbst, wo der Schein ihnen nachgibt. Es bleibt durchaus die Norm der Erkenntnis in ihrer exklusiven Souveränität. Alle Angelegenheiten und Bedürfnisse der menschlichen Kultur müssen ausnahmslos ihrer Leitung Untertan werden. Und was das Prinzip der Erkenntnis fordert, muß bis in alle seine Konsequenzen am Problem des Sittlichen angewendet und ausgeführt werden. Da nun aber einmal die methodische Differenz für die Ethik besteht, daß sie des Fundamentes der Wissenschaft entbehrt, so wird es unvermeidlich, daß das Prinzip der Erkenntnis hier zu Übergriffen und Irrungen in der Durchführung der Anwendungen kommen muß. Und aus diesen methodischen Mängeln, denen der Idealismus sich in der Ethik nicht entwinden kann, wird es einigermaßen verständlich, daß für das Gebiet des Sittlichen die andere Quelle, die der Religion, schöpferisch geworden und geblieben ist. Die reine Quelle der Religion liegt für das soziale Bewußtsein im Prophetismus. Beachten wir zuerst jedoch seine Schranken. Der Prophet weiß nichts von der Wissenschaft. Selbst in Babylon hat deren Zauber nicht auf ihn gewirkt, geschweige, daß er von selbst in Palästina den Schleier der Wissenschaft gelüftet hätte. Das Stemenheer interessiert ihn nur für den Gott, der es heraufgeführt hat und der es mit Zahlen und Namen benennt. Und so ist die Natur nur für ihn vorhanden als die Schöpfung Gottes. Schon das erste Wort der Genesis: „im Anfang" ist seiner eigentlichen Bedeutung nach unsicher, und das ist charakteristisch. Woraus Gott Himmel

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