Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 617 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus 6if oft bei Juden ein nationales Bewußtsein gebe, nationales Sein gebe es nicht bei ihnen1). Es sei daher auch ganz unmöglich, den Beweis dafür zu führen, daß das jüdische Volk bestehen bleiben müsse. Von diesem Standpunkt ausgehend, gelangte der „Bund" nicht nur zur weiteren Bekämpfung des Zionismus, als einer auf die jüdische Wiedergeburt in Palästina gerichteten Strebens — man nannte ihn eine reaktionäre Utopie, die die jüdischen Massen vom einzig möglichen Weg des Kampfes um ihre Rechte in Rußland ablenke — sondern auch zur Bekämpfung jeder jüdisch-nationalen Bewegung. Selbst das mutige Auftreten des „Bund" im Kampf gegen die Pogromwelle, die bereits im Jahre 1902 (Pogrom in Czenstochau) anzusteigen begann und ihren Höhepunkt im Jahre 1905 zur Zeit der russischen Revolution erreichte, hat keineswegs das Merkmal einer nationalen Tat an sich. Wiewohl der „Bund" bereits im Jahre 1902 zum erstenmal den Gedanken eines organisierten Widerstandes gegen die Pogrombanden zu propagieren begann, ihn im Jahre 1903 nach dem Pogrom in Kischinew verwirklichte und in diesem Jahre, wie insbesondere im Jahre 1905 den heldenmütigen Kampf aufnahm und auch viele Todesopfer in ihm zu verzeichnen hatte, so betonte er doch immer wieder, daß ein derartiges Vorgehen lediglich ein Mittel unter anderen im Kampf gegen die zaristische Regierung bedeute und auf keinen Fall als Ausfluß einer nationalen Stimmung zu deuten sei. So wurden denn auch folgerichtig die Abteilungen der bundistischen Selbstwehr in erster Reihe als Kampftruppen gegen die Polizei organisiert, so daß ihre Funktion als Selbstwehr eigentlich bloß eine sekundäre war. Auch wurde jede Zusammenarbeit mit den büigerlichen Parteien im Judentum, außer im Fall eines Pogroms, auf das nachdrücklichste abgelehnt. Dieser Stellungnahme entsprach auch das Verhältnis des „Bund" zur jiddischen Sprache. Wenngleich er sehr viel zur Förderung der Sprache tat und durch die ständige Herausgabe von Zeitschriften, Broschüren und allerlei Schriften den Sprachschatz sehr bereicherte, ja die eigentliche publizistische jiddische Sprache erst schuf, so war er doch weit davon entfernt, in ihr ein nationales Gut zu sehen. Es wurde immer wieder betont, daß man in der jiddischen Sprache lediglich ein Mittel sehe, das man jederzeit aufzugeben bereit sei, wenn die Verhältnisse es ratsam erscheinen lassen würden. Und wenn der „Bund" später diese Stellungnahme änderte und den Kampf für die jiddische Sprache als Volkssprache aufnahm, so war auch dies, wie so manche Änderung in seiner Taktik, lediglich der äußeren Entwicklung der Dinge zuzuschreiben. Fast genau um dieselbe Zeit, als die 4. Delegiertenkonferenz des „Bund" zum erstenmal sein Verhältnis zur nationalen Frage präzisierte, tauchte unter den jüdischen Arbeitern in Rußland eine neue Bewegung auf, die eine viel entschiedenere und konsequentere Antwort auf diese Frage gab. Von dem -Standpunkt ausgehend, daß es keinen Zwiespalt gebe zwischen nationalen *) W. Medem: „Die allweltliche jidische Nazie" 1911, (jiddisch).